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Eine Kugel und sieben Kuppeln für den Kuchlbauer-Turm

Bier- und Kupferkunst

Unberührt davon, ob seine Bauwerke als Kindertagesstätte, Markthalle, Müllverbrennungsanlage oder Autobahnraststätte genutzt werden – überall dort, wo die goldenen Zwiebeltürme des Tausendsassa Friedensreich Hundertwasser bunte Fassaden krönen, erleben die Besucher Architektur auf ganz besondere Art. Vergebens suchen sie gerade Linien oder glatte Flächen. Stattdessen wachsen Bäume auf den Dächern oder Büsche in Nischen und Vorsprüngen, von den unebenen Fußböden ganz zu schweigen. Letzteres geschehe, so Hundertwasser, „damit der Mensch wieder lerne, bewusst einen Fuß vor den anderen zu setzen“. Zugegeben, die Idee, den Fußbodenbelag einer Weißbierbrauerei nach Hunderwasser-Manier zu pflastern, scheint zumindest mit Rücksicht auf angeheiterte Brauereigäste widersprüchlich. Doch genau dies geschieht derzeit in der Abensberger Brauerei Kuchlbauer. Doch damit nicht genug, Geschäftsführer Leonhard Salleck, der zugleich Kunstliebhaber und Inhaber der über 700 Jahre alten Brauerei ist, ergänzt seine „Bier-Kunst-Brauerei“ um ein besonderes Hundertwasser-Highlight – den Kuchlbauer-Turm. Vor dem Hintergrund, dass dieser Turm nun nach den Plänen des vor neun Jahren verstorbenen österreichischen Künstlers entsteht, sprechen Insider sogar von einer Sensation.

Weithin sichtbare Kupferkugel

Nicht nur die Abensberger Bierbrauer und Bürger freuen sich über den 35 m hohen Turm, der bereits jetzt ein Besuchermagnet ist. Auch Spenglermeister Günter Ritzinger ist begeistert – natürlich besonders von „seiner Kupferkugel“. „So ein Projekt macht man nicht jeden Tag“, schwärmt der Inhaber des gleichnamigen Fachbetriebes aus dem nur 15 km entfernten Saal-Peterfecking. Und stolz fügt er an: „Obwohl vom einstigen Kupferglanz heute nichts mehr zu sehen ist, verkörpert die 10 m durchmessende Kugel besondere Spenglertechnik.“ Die Eindeckung der 5,60 m hohen Kuppel erfolgte auf dem Brauereigelände am Fuße des Turm-Rohbaus.

Insgesamt bekleideten Günter Ritzinger und seine Spengler eine Fläche von 250 m², die entsprechend der zehn kreisrunden Fenster und der Öffnung für die auskragende Aussichtsplattform in 24 Segmente eingeteilt wurde. Auf einer aus Stahlprofilen und Holz bestehenden Konstruktion arbeiteten sie sich vom Kuppelfuß aus nach oben. Dabei montierten sie jedoch keine durchgehenden Scharen, sondern einzelne, mittels quer verlaufenden Einhangfalzen verbundene Tafeln. Im Gegensatz zu herkömmlichen Tafeldeckungen erfolgte die Anordnung dieser Querfalze linear. Daher gestaltete sich deren Ausführung besonders an der Einführung in den stehenden Längsfalz schwieriger als bei herkömmlichen und versetzten Tafeldeckungen. Um eine unerwünschte Materialaufdopplung und damit unschöne Verformungen an den Stehfalzen zu vermeiden, wurden die Querfalze leicht zueinander versetzt. Von unten kaum wahrnehmbar, entspricht diese Technik der Forderung nach einer horizontal verlaufenden Falzlinie am ehesten. Die liegenden Querfalze wurden mittels Einhanghafte, die Stehfalze mittels Hosenhafte gesichert.

Detail mit Durchblick

An den Fensteranschlüssen war das Ritzinger-Team besonders gefordert. Nicht nur weil die Einteilung der horizontal verlaufenden Einhangfalze auf das Öffnungsmaß von etwa 1,00 m abgestimmt werden musste – sondern auch, weil bei der Herstellung des Anschlussbordes keine Materialverspannung entstehen durfte. Um beides zu erreichen, beschlossen die Spengler großformatige Passschare mit einem Zuschnitt von 1,20 x 1,20 m einzubauen. Mittig über der kreisrunden Fensteröffnung montiert, stellten sie mit größter Sorgfalt spannungsfreie Bördelungen zum Anschluss der ebenfalls kreisrunden Leibungsprofile her. Umso wichtiger war diese Vorgehensweise, aufgrund der Tatsache, dass die Kupferkuppel nach Fertigstellung der Spenglerarbeiten in fünf Arbeitsgängen mit 24-karätigem Blattgold belegt wurde. Durch den Glanz der vergoldeten Oberfläche wäre sonst die kleinste Materialverspannung weithin sichtbar.

Schwebendes Verfahren

Über zehn Jahre ist es her, dass sich Leonhard Salleck mit der Bitte, einen Turm für seine Brauerei zu entwerfen, an Hundertwasser wandte. Dieser schickte sechs Wochen vor seinem Tod die Entwurfsskizzen zu. Seitdem wurden gemeinsam mit dem Hundertwasser-Architekten Peter Pelikan viele Pläne entworfen und wieder verworfen. Nach der Grundsteinlegung im April 2007 und nach einer Bauverzögerung aufgrund von Brandschutzauflagen konnte im Spätsommer 2007 mit dem Bau begonnen werden. Im August 2008 schwebte die 12 t schwere, vergoldete Kugel als krönender Abschluss auf das Mauerwerk des 35 m hohen Turmes. Der ursprüngliche Plan, den Turm am 23. April 2009, dem Tag des Bieres, seiner Bestimmung zu übergeben, schlug indes fehl und so bleibt den Abensbergern nichts anderes übrig, als sich weiterhin zu gedulden. Erst wenn in wenigen Wochen die Baugerüste gänzlich verschwunden sind, kann die „goldene Kugel“ als multifunktionaler Rundraum für Veranstaltungen genutzt werden. Die blau verglasten Fenster sowie die Aussichtsplattform in 25 m Höhe ermöglichen dann den Blick über das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet bis nach Ingolstadt, wo 1516 das bayerische Reinheitsgebot erlassen wurde.

Unternehmen Blattgold

Während die Turmfassade immer schöner und nach Hundertwassermanier auch immer bunter wird, vergolden Dietmar Feldmann und sein Team sieben aus GFK gefertigte Kuppeln. Dazu wischen die Vergolder mit speziellen, aus Eichhörnchenhaaren gefertigten Pinseln über die Stoßkanten der Blattgoldblätter. Vergoldermeister Feldmann erklärt: „Oachkatzlhaare sind am besten geeignet, vor allem die von russischen“. Denn in Russland, wo es kalt ist, wachsen deren Haare besonders fein. Warum Vergoldungen bei Kälte nicht gelingen und wie ein typischer Schichtaufbau aussieht, kann im BAUMETALL-Online-Extra nachgelesen werden. Außerdem beinhaltet „Vergolden“ Wissenswertes über die Blattgoldherstellung, die Produzenten und deren Fortbildungskurse. Aus Spenglersicht berichtet Albert Sporer über Vergoldungen an Ornamenten und Kunstgegenständen aus Metall.

Wissenswertes

Bauherr: Brauerei Kuchlbauer, https://kuchlbauer.de/

Architektur: Peter Pelikan, Wien

Fachbetrieb: Günter Ritzinger, Saal-Peterfecking

Vergoldung: Dietmar Feldmann, Abensberg

Der nach den Plänen des Künstlers Friedensreich Hundertwasser erbaute Kuchlbauer-Turm bildet zukünftig das Highlight von „Kuchlbauer’s Bierwelt“ – einer Erlebniswelt rund um das Thema Bier, Kultur und Kunst. Im geographischen Mittelpunkt der Bierregion Bayern soll Abensberg dann zu einem besonderen Anziehungspunkt für Bier- und Kunstfreunde werden. Bayerische Lebenskultur und Spenglerkunst treffen aber auch in anderer Form aufeinander. Während in „Kuchlbauer’s Bierwelt“ eine der größten Weißbierglas-Sammlungen bestaunt werden kann, zeigte Klempnermeister Florian Hart an der Stuttgarter Robert-Mayer-Schule, wie ein 15-teiliges, gedrehtes Bierglas aus Kupfer entsteht.

Seite 60 in vorliegender Ausgabe

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