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Hast Du Töne?

Kupfer-Ohr

Manche Dinge können so einfach sein, obwohl sie eigentlich sehr schwierig sind. Wer diese Aussage aus dem Blickwinkel eines Klempners analysiert, könnte leichtfertig sagen, „… aus Blech kann man alles machen…“. Doch wie verhält es sich, wenn die gestellte Aufgabe äußerst komplex und alles andere als alltäglich ist? Und was ist zu tun, wenn die Zeit knapp und das nötige Budget ohnehin nicht vorhanden ist? Zeitsprung: Als die Klempnermeisterschüler der Stuttgarter Robert-Mayer-Schule (RMS) das Objekt der Begierde enthüllten, machten sie hunderte hörgeschädigte Kinder mehr als glücklich. Fast schien es, als belieferten die Meisterschüler gemeinsam mit ihrem Schulleiter Manfred Härterich und ihrem Ausbilder Gert Brenner die Kinder der Johannes-Wagner-Schule (JWS) nicht nur mit einem Hörgerät der Extraklasse, sondern auch mit unbezahlbarer Lebensfreude und Leichtigkeit.

Die einzig schwere Aufgabe bestand an diesem Tag offensichtlich darin, das mit einem weißen Leintuch bedeckte Lauschofon zu enthüllen – von den zurückliegenden Ereignissen in der „RMS-Klempnermeisterschmiede“ sowie der einzigartigen Entstehungsgeschichte des „XXL-Hörgerätes“ ganz zu schweigen, aber der Reihe nach…

Klempner optimieren eingeschränktes Hören

Auch die Projektarbeit zum Thema „Hören“ benötigte zunächst eine zündende Idee. Im konkreten Fall sollten die bereits im Schulgarten der staatlichen Johannes-Wagner-Schule vorhandenen Sinnesinseln um einen Hörtron erweitert werden. Bereits zu Beginn war den Verantwortlichen klar, dass solch ein Vorhaben ohne ehrenamtliches Engagement schlicht und ergreifend nicht möglich und zudem unbezahlbar ist. Und so kam es wie es kommen musste: JWS-Hausmeister Schweizer erinnerte sich an seine Ausbildung an der RMS-Fachakademie für Heizung- und Sanitärtechnik und an die schon damals innovativen Meisterstücke der Stuttgarter Klempnermeister. Er vermittelte den Kontakt zu RMS-Ausbilder Gert Brenner, der seine fachliche Unterstützung spontan zusagte. Kurz darauf erfolgte der offizielle Startschuss zu einer besonderen Projektarbeit mit der Aufgabenstellung: „Wie können sich hörgeschädigte Kinder spielerisch und kreativ mit dem Thema „Hören“ auseinandersetzen?“

Projektstart

Zunächst wurden grundsätzliche Fragen zur Funktion, dem Aussehen, dem Material und der Gestaltung des zu errichtenden Hörtrones geklärt. Schnell war klar, dass zwei bewegliche Trichter die Umgebungsgeräusche ans Ohr des Benutzers leiten und auf diese Weise verstärken würden. Als Werkstoffe kamen Holz, Edelstahl und Kupfer in Betracht. In Abhängigkeit von Regenbeaufschlagung, Luftfeuchtigkeit und Luftzusammensetzung würde ein kupferner Hauptkörper sein Aussehen mit der Zeit verändern und sich von typischem kupferrot über dunkelbraun bis hin zu grün verfärben. Dass mit der eintretenden Patinierung eine anhaltende Veränderung zsammenhängen würde, faszinierte die Projektleiter besonders.

Modelle, Partner und Sponsoren

Wer Gert Brenner kennt weiß, dass er immer mit dem nötigen Herzblut und mit über 100 % bei der Sache ist. So auch als es darum ging, der Projektplanung den entsprechenden Feinschliff zu geben. Im Maßstab 1:5 dimensionierte er zwei zwölfteilige Trichter, wickelte diese ab und klebte die filigranen Einzelteile gemeinsam mit seiner Frau bis tief in die Nacht zusammen. Das auf diese Weise aus Papier und hauchdünnen Kupferrohren entstandene Hörtron-Modell leistete vor allem bei der Präsentation sowie der Trichterabwicklung wertvolle Dienste. Dabei verglich Gert Brenner die zum Teil sehr komplexen Körperabwicklungen mit einem maßgeschneiderten Mantel. „Auch Schneider“, so der Ausbilder, „teilen Kleidungsstücke zur Herstellung in entsprechende Einzelteile auf. Diese geben Aufschluss über die benötigte Stoffgröße sowie über die zuzuschneidenden Einzelteile wie Taschen, Ärmel oder Kragen. Im Grunde verhält es sich mit den Schalltrichter-Abwicklungen ebenso. Über horizontale und vertikale Schnittzeichnungen werden die wahren Längen und Breiten projiziert und entsprechende Zuschnittsgrößen ermittelt.“

Zur gestalterischen Optimierung des Hörthrones wurde das Projektteam um Designer Jürgen Schraysshuen verstärkt – die Gewährleistung der Betriebsicherheit sicherte der TÜV-Süd in Filderstadt. Ferner wurde ein Statiker als Projektförderer verpflichtet, denn schließlich sollte die Sinnesinsel auch widrigen Wetterverhältnissen und starken mechanischen Belastungen standhalten, was letztlich nur Dank aufwendiger statischer Berechnungen realisierbar war.

Durch das Engagement verschiedener Sponsoren konnten die Kosten in engen Grenzen gehalten werden. Für den Bau des Podestes aus Beton und Holz spendete die Organisation „Licht der Hoffnung“ 2000 Euro, die Kupferbauteile wurden von der KME Germany AG & Co. KG aus Osnarbrück zur Verfügung gestellt. Außerdem unterstützten die Firmen Rieger aus Bietigheim-Bissingen, Karl Wörner aus Filderstadt und Sanitär Birk aus Nürtingen das einzigartige Projekt.

Im Klempnermeister-Vorbereitungskurs

Bereits das Modell löste bei den Meisterschülern eine Welle der Begeisterung aus. Sofort wurden Verbesserungsvorschläge unterbreitet und Konstruktionsänderungen diskutiert. Aufbau und der Gestaltung entsprachen der Arbeit an einem Meisterprüfungsprojekt, also genau der nötigen Prüfungsvorbereitung.Sämtliche Abwicklungen wurden von den Schülern mit dem PC (Auto CAD) erstellt. Zur Herstellung fertigten sie spezielle Hilfswerkzeuge und Vorrichtungen an und führten akustische Messungen und Versuche durch. Dabei zogen sie auch professionelle Hilfe zu Rate, doch kein Akustiker konnte die präzise größe der Schalltrichter und den zu erwartenden Wirkungsgrad errechnen. Bereits im Vorfeld ahnten die Meisterschüler, welch enormen Schwierigkeitsgrad die technische Umsetzung mit sich brächte. Zur Bestimmung der Trichterformen und Proportionen wurde „der goldene Schnitt“ zugrunde gelegt – ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Stecken, welches seit der Antike als Inbegriff von Ästhetik und Harmonie angesehen wird.

Grau ist alle Theorie

In Teams von zwei bis drei Schülern und auf Grundlage des zuvor erstellten und gezeichneten Modells begannen die RMS-Schüler mit der Umsetzung. Zunächst wurden die CAD-Abwicklungen geplottet, mit Sprühkleber auf 0,6-mm-Kupfer aufgeklebt und anschließend ausgeschnitten. Die aufgeklebten Zeichnungen dienten dabei sowohl als Oberflächenschutz als auch zur Orientierung beim Zusammenfügen der einzelnen Trichtersegmente. Mit speziellen Falzwalzen (Eigenentwicklung) wurden die Falze mit der Sickenmaschine angeformt und vor dem Runden der Segmente passende Weich-PVC-Einlagen eingelegt. Die wulstartigen Rundungen der Trichterenden wurden über einem genuteten Stahlrohr geformt und die Trichtersegmente anschließend auf einer Holzschablone an einem Stahlrohr fixiert und ausgerichtet. Mit filigranen 3-mm-Falzen wurden jeweils zwölf einzelne Segmente zu einem Trichter verbunden. Anschließend fixierten die Schüler immer zwei Segmente mit Weichlötheftpunkten und löteten diese komplett aus. Fertige Bauteile brachten die angehenden Klempnermeister mit einer Satiniermaschine auf Hochglanz.

Um die Kupferrohre des Grundgestells zu runden kam eine Rohrbiegemaschine zum Einsatz – die benötigten und aus dem Sanitärbereich stammenden T-Stücke wurden maschinell verpresst. Selbstgefertigte Edelstahlrohrschellen sorgten für eine sichere Verbindung der einzelnen Rohre. Die gesamte Konstruktion wurde auf einer 10-mm-Edelstahlplatte mit 600 mm Durchmesser montiert. Als Rückenlehne kam gelochtes Edelstahl zum Einsatz.

Wie bereits erwähnt identifizierten sich die Meisterschüler mit „ihrem Projekt“. Nicht nur die Teambildung war unproblematisch, sondern auch das Untereinander und Miteinander in den Teams. Die angehenden Meister waren gefordert, Schlüsselqualifikationen wie Fachkompetenz, Sozialkompetenz, Methodenkompetenz und Handlungskompetenz hautnah umzusetzen. Durch das wechseln der Teams und ihrer Aufgabenstellung ergaben sich durchaus auch Schwierigkeiten und Qualitätseinbußen bei der Ausführung – Nachbesserungen blieben nicht aus und einzelne Bauteile mussten gar neu erstellt werden. Dabei war ein hohes Maß an Konfliktfähigkeit gefragt.

Namensgebung und Fazit

Das im Maßstab 1:5 gefertigte Modell wurde in der Johannes-Wagner-Schule ausgestellt, wo die Schülerinnen und Schüler ihre Namensvorschläge sammelten und sich für die Bezeichnung „Lauschofon“ entschieden. Heute steht es auf dem öffentlich zugänglichen Grundstück der Johannes-Wagner-Schule in Nürtingen. Bei der Benutzung wird der eingefangene Schall über die Kupfertrichter durch flexible Schläuche und zwei Gummisauger ans Ohr geleitet . Der aus wetterbeständigem Holz bestehende Sitz ist passgenau mit der Grundplatte verschraubt. Vier Edelstahlschrauben mit einem Durchmesser von 12 mm sorgen für eine kraftschlüssige Verbindung mit dem drehbaren Lager des Sockels. Die schnörkellose Form mit ihren mächtigen Trichtern beeindruckt Betrachter und Benutzer gleichermaßen. Rückblickend fasst Gert Brenner zusammen: „Wir hoffen, dass unser Projekt mit dazu beitragen kann, Kräfte, Fähigkeiten und Begabungen von Kindern zu wecken und zu entfalten und freuen uns einmal mehr die Werkkünste des Klempners in der Öffentlichkeit zu präsentieren.“

AUTORen: gert brenner & andreas buck

INFO

Zur Sache

Momente, wie die Übergabe des Lauschofons sind überaus wertvoll und obwohl mein Terminkalender mir nicht erlaubt an jeder Veranstaltung teilzunehmen bin ich sehr froh, diese miterlebt zu haben. Selten hatte ich so fröhliche und glückliche Kinder gesehen, doch vor allem berührte mich, wie spielerisch und zugleich souverän sie mit ihrer Hörbehinderung umgingen. Beeindruckt stellte ich fest, wie unbeschwert die sprach- und hörbehinderten Kinder ihre Aufgaben, etwa das Vorlesen zuvor geschriebener Dankesworte, meisterten und welch positiven Eindruck die Klempnermeisterschüler bei ihnen hinterließen – Respekt!

Andreas Buck

INFO

  • Initiatoren: Johannes-Wagner-Schule, ­Nürtingen (staatliche Schule für Schwerhörige und ­Sprachbehinderte mit Internat)
  • Technische Umsetzung: Meisterschüler der Robert-­Mayer-Schule, Stuttgart
  • Einweihung: Nach über 1000 Arbeitsstunden am 26.11.2010

Online-Extra

Auf https://www.baumetall.de/ stehen umfangreiche ­Informationen sowie weitere Bilder bereit. ­Außerdem informiert das Online-Extra über die Integration schwerhöriger und sprachbehinderter Schüler.