Ein Wahrzeichen braucht Taktgefühl: Am südlichen Ende von Pfullingen befindet sich die Villa Laiblin auf einer leichten Anhöhe. Das herrschaftliche Anwesen wurde im 19. Jahrhundert von den Papierfabrikanten Ernst Louis und Karl Adolf Laiblin im Stil der italienischen Renaissance erbaut. Seit 1927 ist die Anlage im Besitz der Stadt Pfullingen und repräsentiert den Anspruch auf Lebensqualität und Ästhetik jener Epoche. Inmitten dieser historischen Kulisse befindet sich ein besonderes architektonisches Juwel: der kleine Jugendstil-Pavillon aus dem Jahr 1912. Sein markantes Erscheinungsbild prägt den Park bis heute. Doch Jahrzehnte und Witterung hatten ihre Spuren hinterlassen: Die ursprüngliche Substanz war so weit angegriffen, dass die historische Dach- und Holzkonstruktion zu weiten Teilen als verwittert galt. Um dieses Pfullinger Kleinod vor dem Verfall zu bewahren, war eine Sanierung erforderlich, die historische Formensprache mit modernster Technik vereint.
Genau hier kam das tiefgreifende Fachverständnis von Stefan und Alexander Künstle ins Spiel. Die beiden Flaschnermeister führen als Vater-Sohn-Gespann die in Reutlingen ansässige Stefan Künstle GmbH und realisierten die anspruchsvolle Neueindeckung des Pavillons federführend. Mit ihrem Gespür für Material und Form machte das Team des Fachbetriebs Künstle den Pavillon fit für das nächste Jahrhundert.
Handwerkliche Partitur: Von der Werkstatt auf das Dach
Der Weg zur neuen Kupferhaube begann mit einem konsequenten Rückbau. Das Team der Stefan Künstle GmbH demontierte die alte Dacheindeckung sowie die Entwässerungskomponenten mit dem gebotenen Respekt vor dem Bestand: „Jedes Bauteil wurde geprüft. Wiederverwendbare Elemente wie die historische Dachrinne und der charakteristische Dachaufsatz wurden nicht einfach ersetzt, sondern zur fachgerechten Überarbeitung in unsere Werkstatt überführt“, erinnert sich Alexander Künstle. Nachdem die Zimmerleute die hölzerne Dachkonstruktion inklusive einer notwendigen Hinterlüftungsebene neu aufgebaut hatten, war die Bühne frei für die Montage der handwerklich vorgefertigten Kupferelemente.
„Zur authentischen Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes von 1912 orientierten wir uns an alten Fotografien“, erzählt Stefan Künstle: „Durch dieses Vorgehen ist es uns gelungen, die neue Einteilung der Kupfereindeckung einschließlich aller Quer- und Längsfalze nahezu originalgetreu auszuführen.“
Die Herausforderung der geschwungenen Form
Die komplexen Rundungen der Kuppel verlangten besonderes Augenmerk. In den geschwungenen Kehlen installierten die Flaschner eine Faltenkehle, die zu beiden Dachflächen hin verfalzt wurde. Diese Technik ermöglicht es, das Metall rückstausicher und spannungsfrei an die geschwungene Dachgeometrie des Pavillons anzupassen. Auch der Übergang zur Entwässerung wurde technisch optimiert: Ein indirekt befestigtes Traufblech mit Einhängefalz sorgt nun für eine nahtlose Verbindung zwischen der Kuppelfläche und der Dachrinne.
Ein entscheidender Aspekt der Sanierung war die Integration einer effektiven Be- und Entlüftung, ohne die historische Architektursprache zu stören. Das technisch sowie optisch perfekte Baudetail am Traufpunkt besteht aus einem umlaufenden Abtropfprofil zur sicheren Ableitung eventuell anfallenden Kondenswassers aus der Hinterlüftungsebene. Die darüberliegende bestehende Kastenrinne wurde überarbeitet und dabei mit speziell geformten Rinnenträgern so auf Abstand montiert, dass ein funktionaler Lüftungsschlitz entstand. Um den Übergang von der Dachrinne zur Dacheindeckung fachgerecht und sicher herzustellen, erfolgte die Einbindung der horizontal angeordneten Scharen am Einhangfalz – die Befestigung der Kupferprofile mit geeigneten Haften. Die Falzverbindungen an den Gratlinien wurden in klassischer Stehfalztechnik ausgeführt.
Eine weitere Herausforderung war die Ausrichtung der Abtropfkante in einer Linie um die Anschlusspunkte der Fledermausgaube herum verlaufend. Durch diese Maßnahme wurde erreicht, dass sich die kupfernen Abtropfprofile harmonisch in das Gesamtbild einfügen und darüber hinaus das Stuckgesims über dem Eingang zuverlässig schützen. Hierbei ist die Form der Tropfkante als klassische Rundwulst besonders erwähnenswert.
Ein Dach wie eine Symphonie des Handwerks
Konstruktionsbedingt treffen am Firstpunkt zahlreiche Stehfalze aufeinander. Um diesen Punkt sicher zu lösen, befestigten die Flaschner eine zusätzliche Abdeckung, die zugleich als Montageebene für den Sockel des historischen Dachschmucks dient. Den krönenden Abschluss bildet hier eine ornamentale Dachvase. Das Original-Bauteil wurde zuvor in der Fachwerkstatt behutsam saniert, an Rissen verlötet und mittels einer neuen Versteifungshülse stabilisiert. Ein neu angefertigter konischer Sockel sorgt hier unauffällig für den nötigen Luftauslass der Hinterlüftung.
„Mit der fachgerechten Sanierung ist der Pavillon nun bereit für die nächste Kleinkunstaufführung. Und wer weiß: Wenn in Zukunft unter dem neuen Kupferdach wieder Applaus aufbrandet, dann schwingt der Rhythmus meisterlicher Flaschnerkunst vielleicht in jeder einzelnen Schar mit“, freut sich Alexander Künstle zu Recht!
Bild: Künstle GmbH
Bild: A. Künstle
Bild: Künstle GmbH
Bild: Künstle GmbH
Bild: Künstle GmbH
Bild: Künstle GmbH
Denkmal rockt
Der hier vorgestellte Jugendstil-Pavillon aus dem Jahr 1912 befindet sich in der Klosterstraße 82 in Pfullingen im Park der Villa Laiblin. Die Flaschnerarbeiten an der markanten Kuppel wurden von der Stefan Künstle GmbH aus Reutlingen ausgeführt.
Aufmerksame BAUMETALL-Leser kennen Junior-Chef Alexander Künstle durch die Vorstellung seines Meisterstücks. An der Stuttgarter Robert-Mayer-Schule fertigte er eine Kupfer-Snaredrum samt konkav geschwungenem Präsentationsständer an. Für den musikalischen Flaschner war somit bereits zum Projektstart klar: Dieses Dach braucht Taktgefühl.