Baumetall Ausgabe: 05-2019

Bauen, wie es nur noch wenige können

Auf dem Experimentiergelände Campus Galli werden historische Bautechniken aus der Karolingerzeit wiederbelebt

Auf dem Experimentiergelände Campus Galli werden historische Bautechniken aus der Karolingerzeit wiederbelebt

In der Mittagspause gibt es karolingische Wurst Eintauchen in die Geschichte des Handwerks: In der Nähe von Sigmaringen an der Donau versuchen Historiker, Architekten und Handwerker, mit den bescheidenen Mitteln längst vergangener Zeiten eine Klosteranlage zu errichten – originalgetreu bis ins Detail

  1. Teil: Bauen, wie es nur noch wenige können
  2. Teil: Mehr zum Thema Special für Metallfans

Zwischen dem dichten Grün der Bäume funkeln die Sonnenstrahlen, durch das Vogelgezwitscher hindurch dringt der stumpfe Klang, wenn Holz auf Holz trifft, und das hell tönende rhythmische Schlagen eines Hammers auf Metall. Keine Autos, keine Maschinen, kein Tastaturgeklapper und schon gar kein Handygebimmel … Wir befinden uns im 9. Jahrhundert auf einem Gelände bei Messkirch in Oberschwaben, das eine angehende Großbaustelle beherbergt. Hier soll ein Kloster entstehen – und zwar mit den technischen Mitteln des frühen Mittelalters! Ein Mammutvorhaben der gelebten Geschichte, das spannende Einblicke in die damaligen Arbeitsweisen verschiedener Gewerke bietet.

Muskelkraft und Materialien aus der Natur

Im Wald verstreut haben sich rundherum die Gewerke angesiedelt, die für solch ein Megaprojekt erforderlich sind: Schreiner, Drechsler, Steinmetz, Schindelmacher, Schmied … Nicht fehlen darf auch der Köhler, der den Schmied mit Holzkohle versorgt. Sie alle nutzen die Rohstoffe und Materialien, die die Natur ihnen liefert. Aus Stroh werden Seile geflochten und um die Handwerker und Bauarbeiter mit Dingen für den täglichen Bedarf zu versorgen, sind auch ein Töpfer und Korbflechter vor Ort sowie Frauen, die Wolle zupfen, färben, spinnen und an einfachsten Webrahmen oder mit hölzernen Nadeln zu Kleidungsstücken verarbeiten. Manche Techniken mussten die Historiker erst wieder unter dem Staub der Geschichte ausgraben und die neuzeitlichen Mitarbeiter mussten sie sich neu aneignen.

Für das leibliche Wohl sorgen ein Gemüse- und Kräutergarten, Felder, Bienenstöcke und ein lebender Vorrat an Schweinen und Ziegen. Da Pferde damals ein nur reichen Rittern und Fürsten vorbehaltenes Luxusgut waren, schleppten die Menschen Steine und andere schwere Lasten selber auf hölzernen Traggestellen. Lediglich zwei Ochsen dienen als Zugtiere, die die gefällten Baumstämme zum Sägewerk ziehen, wo sie gespalten und geschält werden – alles von Hand in mühseliger Kleinarbeit und mit purer Muskelkraft.

Die Urahnen der Klempnerdächer

Metall ist hier noch Mangelware, der dominierende Werkstoff ist Holz, auch beim Zubehör. Der Schmied ist hauptsächlich damit beschäftigt, Werkzeuge herzustellen und auszubessern, die stumpfen Klingen von Stechbeiteln nachzuschärfen. Eisennägel und Unterlegringe kommen noch selten zum Einsatz. Trotzdem kommt er mit der Arbeit kaum hinterher, so schnell nutzen sich die mittelalterlichen Gerätschaften ab. Stark gefordert ist auch der Schindelmacher. Zunächst müssen ja sämtliche Werkstätten und Hütten gedeckt werden. Denn schon immer galt: Ein Dach ist nicht alles, aber ohne Dach ist alles nichts.

Die Vorläufer späterer Metall- und Ziegeldächer bestanden aus Tausenden von länglichen Holzschindeln, die sich immer zu zwei Dritteln überlappen, natürlich so versetzt, dass kein Regen eindringen kann. Dämmung und Abdichtbahnen waren damals noch ebenso weit jenseits der Vorstellungskraft der Menschen wie Schiebehafte aus Metall. Als recht lose Befestigung dienten einfache, geschnitzte Holzstifte für die Aufhängung auf quer liegenden, grob in Form gebrachten Rundhölzern, die mit Stricken und Holznägeln auf die Dachbalken montiert waren – fertig ist das Dach. Die Sturmsicherung übernehmen quer darübergelegte Schwerhölzer – vermutlich ohne aufwendige Windlastberechnung …

Ein Projekt für Generationen

Das ehrgeizige Experiment „Campus Galli“ läuft seit 2012 und ist auf 40 Jahre ausgelegt. Damals, lange vor Erfindung mechanischer Uhren, als Sonnenaufgang und -untergang den Tag bestimmten, hatte Zeit eine andere Bedeutung, ein Klosterbau war ein Generationenprojekt. Allein die Errichtung der vorläufigen Holzkirche – ein Provisorium, bis die eigentliche große Steinkirche steht – nahm (ohne Innenausstattung) über zwei Jahre in Anspruch. Und genauso wie heute lief auch damals ohne Fachhandwerker gar nichts!

Wir von der BAUMETALL-Redaktion meinen: Der Campus Galli ist auf jeden Fall einen Besuch wert, durchaus auch alle Jahre wieder, denn jedes Mal wird man einen kleinen Baufortschritt feststellen können. Es ist faszinierend zu sehen, mit welch einfachen Mitteln und Ressourcen die Menschen damals schon Großes bewegten und wie durchdacht die Technik doch im Kleinen bereits war! Hier gewinnt man Abstand zur Hektik des modernen Alltags und lernt dennoch seine Annehmlichkeiten zu schätzen, denn es wird einem bewusst, welcher Unbill die Menschen ausgesetzt waren: Regen, Kälte, Schmutz, harter körperlicher und auch monotoner Arbeit, Mühsal, Hunger …

Darüber hinaus findet auf dem Campus Galli auch mancher Langzeitarbeitslose eine Chance, wieder in Lohn und Brot zu kommen. Ausführliche Informationen zum Projekt, zu den handwerklichen Techniken, Anfahrt und Öffnungszeiten gibt es unter

www.campus-galli.de

  • Schon damals waren Fachhandwerker begehrte Fachkräfte

  • Abenteuer Dach mal anders: Das Steildach der Kirche wird gedeckt

  • Dachmodell 0.0: Mit Stiften versehene Holzschindeln wurden auf die Traglattung gehängt. Das Prinzip der Überlappung und versetzten Anordnung ist uralt

BAUMETALL / Wirtz

Alexander Hamann / Campus Galli

Literatur

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