In einem kleinen indischen Dorf herrschte seit langer Zeit eine tief sitzende Niedergeschlagenheit. Die Menschen klagten unaufhörlich über die drückende Hitze, magere Ernten, schmerzende Glieder und das harte Schicksal.
Eines Tages kam ein alter Pilger in das Dorf. Als er die Traurigkeit der Bewohner bemerkte, bot er seine Hilfe an: „Ich kann euch von eurer eigenen Not befreien. Schreibt eure größte Last auf einen Zettel, hängt ihn an die Äste des großen Banyan-Baumes auf dem Dorfplatz und läutet das Glöckchen. Nehmt anschließend einen anderen Zettel mit, der dort schon hängt, und eure eigene Last ist verflogen.“
Die Dorfbewohner liefen erleichtert nach Hause, schrieben ihre schwersten Nöte auf und eilten zum Dorfplatz. Sie hängten ihre Zettel an die ausladenden Äste des heiligen Baumes, läuteten und pflückten voller Hoffnung einen fremden Zettel ab. Doch am nächsten Morgen erwachten die Menschen mit Gefühlen, die ihnen völlig neu und fremd waren. Die auf den fremden Zetteln notierten Sorgen verursachten unbekannte, stechende Schmerzen sowie unerklärliche Ängste und fremdes Herzleid. Eine tiefgreifende Stille legte sich über das Dorf, und gelähmt vom Schrecken dieser neuen Unbill verfiel die Gemeinschaft in düstere Schwermut.
Als der Pilger Wochen später erneut durch das Dorf reiste, blickte er in ausdruckslose Gesichter. Die Stimmung war noch viel düsterer als bei seinem ersten Besuch. Verwundert stand er unter dem Banyan-Baum und fragte: „Hat mein Rat nicht funktioniert? Wollte ich euch nicht von eurer Last befreien?“
Die verzweifelten Dorfbewohner antworteten: „Dein Zauber hat sehr wohl funktioniert. Aber bitte – gib uns unsere eigenen Zettel wieder zurück!“