Baumetall Ausgabe: 03-2015

Workshop für Praktiker

Wie wickelt man eigentlich ein Museum ab? Der zweite Termin der BAUMETALL-Workshopreihe vermittelte praxisbezogene Abwickelmethoden AUTOR: Andreas Buck

  1. Teil: Workshop für Praktiker
  2. Teil: BAUMETALL-Workshopreihe im Museum

Was ist ein Pyramidenstumpf oder wie unterscheidet er sich von einem Kegelstumpf? Und wie sieht ein dreidimensionaler Kegelstumpf aus, wenn er sozusagen aufgeklappt und zweidimensional auf dem Arbeitstisch liegt? Das Aufklappen geometrischer Körper wird in der Fachsprache der Spengler bekanntlich Abwickeln genannt. Genau diese Technik erlernten die Teilnehmer des BAUMETALL-Workshops „Abwickelverfahren für Praktiker“ am 20. März 2015 in Karlstadt. Ob aus Österreich oder Norddeutschland, dem Schwarzwald oder dem Spreewald – die zwölf Teilnehmer waren eigens auf der Suche nach geometrischen Geheimnissen ins Europäische Klempner- und Kupferschmiedemuseum nach Karlstadt gekommen.

Architektonische Formensprache

Dass die geometrische Architektur des modernen Museumsgebäudes von Pyramide, Kegel & Co. bestimmt wird, ist kein Zufall. Vielmehr ist dessen Bauform von für Klempner einst typischen Bau-körpern inspiriert. Zum Beispiel fertigten Klempner, Spengler, Flaschner und Blechner früher aus glatten Blechen kegelstumpfförmige Trichter, Flaschen, Pfannen sowie andere Behälter wie Schatullen, Kassetten, Truhen oder Schachteln an. Noch heute bauen Klempner unterschiedliche Körper aus dünnem Metall – etwa bei der Produktion von Rinnenkesseln, Lüftungsanlagen oder Kisten und Behältern. Und auch bei der Anfertigung der Meisterstücke steht das Abwickeln unterschiedlicher Baukörper hoch im Kurs.

Tipps vom Praktiker

Wie einfach und wirkungsvoll etwa ein Trichter aufgeklappt werden kann, wurde im Rahmen der Museums-Workshopreihe von Klempnermeister und Meister-Ausbilder Gert Brenner vorgestellt. Der Workshop-Referent gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Blechbearbeitung. Als Ausbilder der Stuttgarter Klempnermeisterschüler gab er sein wertvolles Fachwissen über 37 Jahre begeistert weiter. Im Klempnermuseum zündete er erwartungsgemäß ein Feuerwerk in puncto Abwickelverfahren. Dabei bewies der Fachlehrer der Stuttgarter Robert-Mayer-Schule, welche Vorteile praxiserprobte Werkstattverfahren gegenüber modernen CAD-Methoden haben.

Sehr einfache und in der Praxis häufig anzuwendende Techniken sind die 60°-Methode und das Dreiecksverfahren. Gert Brenner stellte diese als schnelle Alternative zur Zwölferteilung vor und ließ die Teilnehmer anschließend selbst Hand anlegen. Dann verglich er die Ergebnisse mit einem Schnellverfahren, dass mit nur drei Zirkelschlägen die Abwicklung eines Rohrwinkels ermöglicht. Dazu Gert Brenner: „Die sogenannte Zirkelschlagmethode ist zwar nur eine Werkstatt-Methode, doch ist sie in 95 % aller Fälle ausreichend.“ Den entsprechenden Beweis lieferte Brenner mit einem Deckungsvergleich. Er veranschaulichte, dass die mit unterschiedlichen Methoden hergestellten Abwicklungen nahezu identisch waren. Anschließend zeigte Gert Brenner den Teilnehmern, wie mit wenigen Handgriffen an der Rund- und Sickenmaschine zuvor ausgeschnittene Baukörper hergestellt werden können. Seine Tipps zur Berücksichtigung der Vorspannung oder der Einfingerführung des Werkstücks sorgten dabei für verblüffte Gesichter. Und auch die Hinweise zur Beschaffenheit eines Falzmeisels oder zum richtigen Umgang mit dem Hammer empfanden die Teilnehmer als überaus wertvoll.

Teilnehmer erhalten Spezialwerkzeug

„Wenn ich etwas mache, dann mit Hand und Fuß“, sagte Gert Brenner als er den Teilnehmern ein merkwürdig aussehendes Werkzeug aushändigte. „Dieses entfernt an eine Angelrute erinnernde Gerät stammt aus einer uralten Flaschnerwerkstatt. Sein Erfinder ist ebenso unbekannt wie seine Bezeichnung. Dennoch ist es ein äußerst praktisches Hilfsmittel.“ Der mit einem Federstahl bestückte Buchenholz-Stab ist zur blitzschnellen Ermittlung von Abwicklungskurven geradezu genial geeignet. Dann erklärt Gert Brenner die Funktionsweise des Federstahl-Kurvenlineals. Demnach entsteht die Abwicklungskurve eines Rohrwinkels durch einfaches Verschieben des Fixpunktes wie von Geisterhand.

Abrollverfahren

Höhepunkt des Workshops bildete die Vermittlung des sogenannten Abrollverfahrens. Es wird zur Abwickelung aller nur denkbaren geometrischen Figuren eingesetzt. Nicht nur der markante Kegel oder die Pyramide des Museumsgebäudes könnten mit dieser Methode abgewickelt werden. Auch Abwicklungen von Übergangskörpern mit schrägen Achsen oder versetzt angeordneten Zu- und Abgängen sowie komplexe Hosenrohre können schnell und passgenau angefertigt werden. Dazu nötige Arbeits- und Hilfsmittel lassen sich schnell und einfach selbst herstellen – können aber auch in Form professioneller Schablonen (etwa der M.A.S.C.-Abwickelhilfe) eingesetzt werden.

Fazit

Die Workshop-Teilnehmer Gerald Plenter aus Münster, Thomas Illner aus Sulzbach-Laufen, Michael Knoppan aus Schönwald, Andreas Köstner aus dem österreichischen Scharnstein und die anderen Teilnehmer sind sich darüber einig: Der Workshop „Abwickelverfahren für Praktiker“ vermittelte Fachinformationen, die sonst so gut wie nirgends verfügbar sind. Ergänzend bringt es BAUMETALL-Treff-Mitglied Georg Lummel auf den Punkt: „Ich wünsche mir, dass sich die Qualität der Museums-Workshops schnell herumspricht. Das ist wichtig, um aus unserem Museum eine Begegnungsstätte für Kollegen zu machen.“ Wie recht er hat! In diesem Sinne freut sich das BAUMETALL-Team sehr darüber, dass die Workshops ein wichtiger Bestandteil bei der Neuausrichtung des Museumskonzeptes sind.

  • 1

    Grundriss und Form des Museums erinnern an unterschiedliche Baukörper, die früher für Klempner typisch waren

    2

    Referent Gert Brenner erklärt die einfache Konstruktion eines Rohrwinkels

    3

    Workshop-Teilnehmer Gerald Plenter prüft Maße und korrekte Position der Falzzugaben

  • Gert Brenner informiert über geeignete Falzmeisel ...

  • ... und erklärt dann eine Schablone zur Anwendung des Abrollverfahrens

  • Mit der Schablone wird die Abwicklung eines Übergangsstückes erstellt

  • Die per Abrollverfahren hergestellte Abwicklung

  • Abrollen per 3D-Schablone

  • Ein einfacher Holzstab und ein Federstahl leisten bei der Herstellung von Abwickelkurven wertvolle Dienste

  • Benno Uhlmann und die anderen Teilnehmer erhielten ein Kurvenlineal

Literatur

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