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Sorge, die Komfortzone zu verlassen?

Schatten über traditionellem Handwerk Wer sich heute in den Fußgängerzonen und Ortskernen des Landes umschaut, wundert sich immer öfter über leerstehende Geschäfte. In einer bayerischen Tourismusgemeinde könnte das verwaiste Schaufenster eines ehemaligen Traditionsunternehmens sogar eine Blaupause für die gesamte deutsche Warenwirtschaft sein. Auf dem von der Sonne gebleichten Schaufensterboden lassen dunkle Silhouetten nur noch erahnen, welche Handwerksprodukte hier einst zum Kauf angeboten wurden. Kruzifixe und Heiligenfiguren etwa, die jahrelang unverrückt an derselben Stelle auf Käufer warteten. Als traurige Überbleibsel erinnern die Abdrücke der Auslagen an bessere Zeiten und wirken dabei wie groteske Schatten-Stempel, die ein stilles Geschäftssterben beglaubigen. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, offenbaren die Umrisse das weitverbreitete Missverständnis, bewährte Qualität mit starrer Unveränderlichkeit gleichzusetzen.

Wer nicht mit der Zeit geht … Mangelnde Transformationsbereitschaft zeigt sich beispielsweise auch in der Automobilbranche, wo das Festhalten an traditionellen mechanischen Meisterwerken den Blick für digitale Ökosysteme und neue Antriebe versperrt hat. Doch diese Entwicklung macht keineswegs bei den Großkonzernen halt. Sie reicht bis tief hinein ins traditionelle Handwerk. Auch dort klammern sich viele Firmeninhaber an Strukturen, die zwar jahrelang funktioniert haben, aber nicht mehr zeitgemäß sind. Das ­Abstruse an der momentanen Situation im Handwerk ist die weitverbreitete Euphorie. Während in der Industrie und im Dienstleistungssektor durch den rasanten Einzug der künstlichen ­Intelligenz (KI) viele Arbeitsplätze wackeln, gilt das Handwerk als krisen- und KI-sicher. Tatsächlich zieht die Mär vom KI-resistenten Job viele Menschen an, die in einer Branche arbeiten wollen, in der sie nicht einfach wegrationalisiert werden können. Es ist nun einmal Fakt, dass Nähte von Hand gelötet, Dächer traditionell gedeckt und Solaranlagen manuell montiert werden. Diese vermeintliche Oase der Sicherheit birgt jedoch einen gefährlichen Denkfehler.

Das Handwerk im Schaufenster von morgen Solange das Handwerk seine Sonderstellung feiert, um sich gleichzeitig vor der dringend notwendigen Modernisierung und Digitalisierung zu drücken, baut es an seinem eigenen leeren Schaufenster von morgen. Die Digitalisierung von Prozessen, effizientere Arbeitsweisen und smarter Materialeinsatz werden nur zu oft verschleppt, weil die Auftragsbücher (noch) voll sind. Das macht handwerkliche Leistungen immer teurer und ineffizienter. Genau an dieser Stelle greift die Logik des Marktes: Wenn die Schlüsselindustrien schwächeln und Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor unter Druck geraten, schwindet unweigerlich die Kaufkraft der breiten Bevölkerung. Was nützt da ein KI-resistenter und augenscheinlich krisensicherer Beruf, wenn veraltete Strukturen die Preise so weit nach oben treiben, dass dem Kunden am Ende schlicht das Geld fehlt, um den Auftrag zu erteilen?

Die Silhouetten im leeren Schaufenster zeigen sehr deutlich, dass Qualität und Tradition allein nicht vor Relevanzverlust schützen können. Oder anders ausgedrückt: Wer im Schatten der eigenen Vergangenheit verharrt, verkennt die Realität des Marktes. Anstatt darauf zu warten, dass sich aus den verblassten Umrissen unseres Wohlstands eine existenzbedrohende Zukunfts-Sorge manifestiert, sollten Automobilbauer genauso wie Schreinermeister den Mut aufbringen, ihr Schaufenster komplett neu und zeitgemäß zu bespielen. Das gilt natürlich auch für das Dachhandwerk, das mit zu starrem Festhalten an Traditionen Gefahr läuft, sich selbst aus dem Schaufenster der Zukunft zu drängen.

Herzlichst Ihr

Klempnermeister Andreas Buck
(Chefredakteur)

Andreas Buck
Chefredakteur, Klempnermeister