Häuser bergen Geschichten und Bauvorhaben oft Überraschungen. Manchmal kommt im Untergrund ein antiker Fund zum Vorschein – oder es wird ein mittelalterlicher Turm entdeckt. So geschah es in Neustadt an der Donau. Hier ergaben Analysen in einem alten Haus, dass sich dort noch Mauerreste eines historischen Turms befanden. Daraufhin erwarb die Stadt das Haus, um alles drum herum abzubrechen und die ursprünglichen Turmmauern wieder freizulegen. „Der Turm war Teil der einstigen Stadtmauer“, erklärt Gerhard Zeitler, Geschäftsführer der Firma Spenglerei Zeitler aus dem bayrischen Train. Aber was hat er als Spenglermeister mit diesem alten Gemäuer zu tun? Ganz einfach: Mit seinem Team hat er den Turm wieder neu eingedeckt – mit einem raffinierten Dach aus Kupfer.
Zeitler berichtet: „Zuerst hat man die noch verbliebenen alten Mauern mit Beton ergänzt.“ Das Dach neu herzustellen, war eine absolut nicht alltägliche Aufgabe. Denn hier mussten Zimmerer- und Spenglerarbeiten auf komplexe Weise ineinandergreifen. Das Kupferdach besteht innen aus rund 30 einzelnen Holzringen, die Ring für Ring übereinander montiert wurden. Dazwischen sind Fugen, die Licht und Luft hindurchlassen. Deshalb mussten sowohl die Ringe als auch die gesamte Konstruktion auch spenglertechnisch so funktionieren, dass Regenwasser nicht nach innen laufen kann.
Zimmerer und Spengler arbeiteten gleichzeitig am Dach
Nach der Montage jedes einzelnen Holzrings wurden von Eck zu Eck Balken eingezogen und diese dann auch unmittelbar verblecht. „Die Arbeitsschritte bestanden also immer aus Holz- und Blechmontage im Wechsel, bis nach oben zur Spitze“, erzählt Zeitler. Das bedeutete: Zimmerer und Spengler mussten gleichzeitig vor Ort sein. Die Stadt hatte daher auch den Auftrag im Ganzen ausgeschrieben – mit Holz- und Blecharbeiten in einem, um Schnittstellenprobleme zu vermeiden. Bei rund 30 Holzringen ging es schließlich um satte 30 Schnittstellen! Da Zeitler aber keine eigenen Zimmerer im Betrieb hat, tat er sich mit einem Partnerbetrieb zusammen: der Firma Holzbau Semmler aus Hemau. Mit der Zusammenarbeit ist Zeitler sehr zufrieden: „Das war eine interessante Erfahrung und auch eine Herausforderung, aber es hat super geklappt!“
An die 600 Kupferprofile haben die Spengler insgesamt montiert – und vorher jedes einzelne individuell zugeschnitten, gekantet, in den Ecken vernietet und verlötet. Zeitler, der sein Familienunternehmen in vierter Generation führt und auf eine über 100-jährige Firmentradition zurückblickt, ist stolz darauf, dass dabei altbewährte Verarbeitungstechniken zum Einsatz kamen: „Das Bandblech kam vom Coil, aber alles Weitere war Handwerk. Also tatsächlich so, wie man es schon früher gemacht hat, mit Ausnahme des Lötkolbens, den wir heutzutage mit Gas betreiben.“
Jedes Kupferprofil ist ein Unikat
Warum aber sind keine zwei Kupferprofile gleich? Warum mussten es lauter Einzelstücke sein? Zeitler erklärt: „Der Turm bildet ein Sechseck mit unregelmäßigem Grundriss. Jede Seite ist unterschiedlich breit, wie man bei der Freilegung der Turmreste festgestellt hat.“ Die Turmspitze entspricht der geometrischen Mitte des Grundrisses. Infolge der unregelmäßigen Seitenlängen zieht sich das Dach jedoch asymmetrisch nach oben, sodass auch die Holzringe nicht nur unterschiedlich groß, sondern auch unterschiedlich geformt sind. Zur Spitze hin nähern sie sich in der Form an, werden aber nie ganz gleich.
Für die Spengler bedeutete das: Kein Winkel gleicht dem anderen und folglich waren auch sämtliche Gehrungsschnitte unterschiedlich. „Das war wirklich sehr interessant“, freut sich Zeitler noch im Nachhinein. Und er ist sich auch bewusst, dass so etwas früher noch weit schwieriger zu bewerkstelligen war als mit unseren modernen Hilfsmitteln. „Heute wird alles am Computer konstruiert, so auch hier. Der Metallbauer hat die Daten an den Holzbauer übergeben, der dann dementsprechend seine Holzbalken mit der CAD-Fräse automatisch gefräst hat.“
Mobile Spenglerei erlaubt mehr Flexibilität
Solche Vorarbeiten machen vieles einfacher, so Zeitler: „Auf der Baustelle geht dann alles viel schneller. Für uns Spengler sind Vorarbeiten in der Werkstatt allerdings nicht ganz so wichtig, weil wir eine mobile Spenglerei haben. So können meine Mitarbeiter ein rohes Blech mitnehmen und das dann auf der Baustelle biegen. Die Kupferteile haben wir vorab in der Länge angepasst, nach den vorgegebenen Maßen. Aber die Gehrungsschnitte haben wir erst auf der Baustelle gemacht.“
Nachdem Holzbalken und Kupferprofile Stück für Stück bis zur Spitze montiert waren, wurde das Ganze noch mit einer Kugel gekrönt. Zeitler berichtet: „Dafür haben wir eine Konstruktion gewählt, die so funktioniert, dass man die Kugel nur noch draufstecken muss.“ Denn wegen anderer städtischer Arbeiten in der Innenstadt musste das Gerüst von der Baustelle entfernt werden. Als der Bereich wieder befahrbar war, rückte das Zeitler-Team mit einer gemieteten Hebebühne an, um die Kugel auf dem Dach anzubringen. Firmenchef Zeitler empfindet das Projekt als in jeder Hinsicht gelungen – nicht nur rein technisch: „Auf diese Weise erhält man auch für die Nachwelt etwas Schönes. Wir können heute noch stolz darauf sein, was unsere Vorfahren früher schon mit einfachen Mitteln erreicht haben. Wir als Handwerker erkennen das natürlich eher als jemand, der nicht im Handwerk tätig ist.“
Außergewöhnliche Optik und Entwässerung
Seinen besonderen Reiz erhält der Turm durch die nicht geschlossene, sondern durch Fugen unterbrochene Dachfläche. Wenn innen Licht brennt, dringt es durch die offenen Zwischenräume nach außen. In früheren Zeiten diente der Weegturm tatsächlich als eine Art Leuchtturm, der den Weg wies. Diese Optik hat für Zeitler einen ganz eigenen Charme – ebenso wie der Dachaufbau: „Wenn man innen steht und ins Dach hochschaut, sieht man nur Holz. Von außen dagegen sieht man nur Blech.“
Außergewöhnlich an dieser Konstruktion ist auch die Entwässerung. Sie wurde innen integriert, sodass das Wasser vom Oberlauf nicht über die Fassade läuft und auf dem Kupfer möglichst keine Ablaufspuren hinterlässt – und zwar mithilfe eines Rings, der als Dachrinne ausgebildet wurde. Er befindet sich am oberen Ende eines geraden Bereichs, bevor dieser in die Schräge fällt. Auch hier orientierte man sich am historischen Vorbild, so Zeitler: „Früher war da auch eine Holzrinne. Die neue Rinne habe ich jetzt selbst ausgekleidet.“
Die Liebe zu alter Bausubstanz ist bei der Firma Zeitler Programm. Der 25-Mann-Betrieb mit 14 Spenglern ist Spezialist für Sanierungen. Im Schnitt stehen pro Jahr drei Kirchtürme in den Auftragsbüchern. „Im Grunde machen wir alles“, sagt Zeitler. „Aber dadurch, dass wir viel mit Kupfer arbeiten, haben wir ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Das qualifiziert uns für Sanierungen an Gebäuden, die früher schon mit Kupfer eingedeckt waren.“ Es kann aber auch mal verzinktes und gestrichenes Blech sein, wie etwa am Schloss Thurn und Taxis. Hier ist das Zeitler-Team seit 15 Jahren immer wieder im Einsatz, aktuell am Südflügel.