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Klempnertechnik im Iran

Kennen Sie das? Wo auch immer Sie unterwegs sind – Ihr Blick richtet sich stets nach oben. Regelmäßig ertappen Sie sich dabei, in Sichtweite kommende Metallbauteile unter die fachmännische Lupe zu nehmen. Nicht selten staunen Sie über fremdartige Rinnenstutzen oder wundern sich über Konstruktionen, die genau so normalerweise nicht funktionieren dürften. Dass diese Angewohnheit in fernen Ländern einen besonderen Reiz auf Sie ausübt, versteht sich fast von selbst. Doch auch Klempner brauchen Ferien und so beschließe ich, den diesjährigen Urlaub ohne Klempnertechnik zu verbringen. Ich möchte einfach abschalten – nicht nur das Mobiltelefon und den Tablet-PC, sondern auch die Klempnerdenkweise. Und weil ich als Klempnermeister und Fachjournalist doppelt belastet bin, wähle ich ein Reiseziel, dessen Architektur maßgeblich von Stein geprägt ist. Fest entschlossen, ein paar Tage ohne Doppelstehfalz, Metalldach und Co zu verbringen, steige ich in den Flieger. Dass unmittelbar nach der Landung in Teheran alles anders kommen wird, ahne ich noch nicht.

Metallsüchtig

Nach rund sechs Flugstunden lande ich mitten in der Nacht und bei 35 Grad im Schatten. Bereits auf der einstündigen Fahrt vom Flughafen in den Norden Teherans fallen mir zahlreiche Baustellen auf. Überall schießen Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden. Ein Baukran steht neben dem anderen und zu meinem Entsetzen auch unmittelbar neben meiner Unterkunft im Norden der 12-Millionen-Metropole. Als ich um 3:30 Uhr im Flutlicht der Großbaustelle aus dem Taxi steige, pralle ich nicht nur gegen eine Wand aus trockener Hitze, sondern vor allem gegen eine unglaubliche Geräuschkulisse. Schnell ist klar, dass mich weder Hitze noch Straßenlärm vom Schlafen abhalten werden, denn diese Aufgabe übernehmen fleißige iranische Metallbauer. Mit kreischender Flex im Anschlag schneiden sie diverse Stahlkonsolen auf Maß und zaubern dabei ein funkensprühendes Inferno in den Nachthimmel der Stadt. Willkommen in Teheran!

Das Frühstück ist weniger modern. Nach Tee, Fladenbrot, Ziegenkäse und Datteln mache ich mich auf, die Gegend zu erkunden. Was sich in der Nacht bereits angedeutet hatte, verstärkt sich exorbitant. Ganz Teheran ist eine einzige Baustelle. Überall werden Stahltrapezbleche angeliefert und als Geschossdecken auf massive Stahlträger gestapelt. Um den Hunger nach neuem Wohnraum zu stillen, füttern unzählige Betonfahrmischer gierig wartende Betonpumpen. Stockwerk um Stockwerk entstehen Luxusappartements für eine aufstrebende moderne Gesellschaft. Ich schlendere weiter und traue meinen Augen nicht. Eine Metallfassade reiht sich an die andere und neben dem weit verbreiteten Werkstoff Aluminium blitzen sogar kupferne Stehfalzdächer in der Sonne. Dabei ist der Einsatz von Metall keine Errungenschaft der Moderne – im Gegenteil.

Auf meinem Weg zum nahe gelegenen Basar stelle ich fest, dass Stehfalzbedachungen aus Stahlblech in Teheran eine lange Tradition haben müssen. Überall entdecke ich fachmännisch ausgeführte Stehfalzdächer. Das grün lackierte Dach einer alten Karawanserei fasziniert mich besonders: Die Scharen wurden direkt auf dem Gebälk eines aus runden Stämmen gezimmerten Dachstuhls befestigt. In fließenden Linien scheinen Rinnen sowie Gauben direkt aus der entsprechenden Schar zu wachsen. Und tatsächlich: Die Dachrinnen sind nicht wie hierzulande als quer zur Dachfläche angeordnetes Profil ausgebildet, sondern direkt aus der vom First zur Traufe verlaufenden Schar geformt. Ich staune. Nicht nur über die unerwartet vielen Metalldacheindrücke, sondern auch darüber, dass sich meine Ferien bereits am ersten Tag in eine Metalldachexpedition verwandelten. Dass sich die hier beschriebene Stehfalztechnik keinesfalls auf Teheran beschränkt, ahne ich ebenso wenig wie die Tatsache, dass ich im Süden des Landes sogar selbst den Klempnerhammer in die Hand nehmen werde. Ob ich am Ende doch metallsüchtig bin?

Pfiffiges Esfahan

Nach acht Stunden Fahrt im Luxusliner und etwa 800 km auf der tadellosen Autobahn erreiche ich den Busbahnhof Esfahans. Das Ticket von Teheran in die Partnerstadt Freiburgs kostet umgerechnet acht Euro – das Taxi in die Innenstadt drei. Erneut begebe ich mich auf Erkundungstour. Beschaulich ist es hier und es ist gefühlte 10 Grad wärmer. Mein Weg führt mich zum Meydan-e Schah, dem Königsplatz von Esfahan. Mit fast 9 Hektar Fläche ist der zweitgrößte Platz der Welt erwartungsgemäß sehr beeindruckend. Als bedeutendes Zeugnis des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens Persiens wurde die historische Stätte 1979 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Überrascht darüber, dass der Platz trotz seiner Größe eine besonders ruhige Atmosphäre ausstrahlt, suche ich im Schatten des großen Basars Schutz vor der glühenden Mittagssonne. Wie Perlen an der Schnur reihen sich zahllose Arkaden rings um den Platz. Kunsthandwerker bieten dort ihre Waren an und auch die Dinge des täglichen Bedarfs warten in zahlreichen Geschäften auf Käufer. Wie magnetisiert biege ich in eine Seitengasse ab und gelange ins unüberhörbare Klempnerparadies. Offensichtlich vom Hämmern der Kupferschmiede angezogen, finde ich mich vor riesigen kupfernen Trögen, zahlreichen Töpfen und Pfannen sowie beeindruckendem Kunsthandwerk wieder. Lebensgroße Rehböcke scheinen über die Auslagen zu springen und Kupferadler befinden sich mit ausgebreiteten Schwingen in Startposition. Ich schaue mich genauer um. Da sitzen sie – die berühmten Kupferschmiede Esfahans. Lediglich mit Sickenhammer und Treibkitt ausgestattet zaubern sie direkt vor meinen Augen Kunstwerke, wie ich sie in dieser Art noch nie zuvor gesehen habe.

Wie überall im Iran freuen sich auch hier die Kupferschmiede, wenn Fremde Interesse an ihrer Arbeit zeigen. Rasch werde ich in ein Gespräch verwickelt und ebenso rasch mit einem Blechstreifen sowie einer übergroßen Blechschere ausgestattet. Neugierig beobachten die Kupferspezialisten, wie mit wenigen Handgriffen eine Spenglerpfeife entsteht. Und als der Sohn eines Handwerkers dieser merkwürdigen Pfeife sogar einen Ton entlockt, ist das Eis gebrochen. Trotz Sprachbarriere entsteht ein wundervoller Dialog, an dessen Ende ich mich selbst auf einem Kupferschmiedeschemel sitzend wiederfinde. Metall ist und bleibt ein völkerverbindendes Element und aus Blech können Klempner alles machen.

Kupferhandwerk ist Weltkulturerbe

Der Iran gehört zu den Ländern mit den meisten Weltkulturerbestätten. Dass die UNESCO iranische Kupferschmiede zertifiziert, verdeutlicht, welch enormes Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Zu ihren prominenten Kunden gehören Politiker und Prominente aus aller Welt und das zu Recht. Die in Esfahan lebenden Ausnahmehandwerker fertigen Vasen, Dosen oder Samowars in einer Qualität, die ihresgleichen sucht. Aus wenigen Teilen fügen sie Kunstgegenstände zusammen und verzieren diese mit aufwendigen Treibarbeiten und ebensolchen Ziselierungen. Nie zuvor habe ich derartige Treibarbeiten auf dem Korpus einer Vase oder einer Zuckerdose gesehen – von den unzähligen Tabletts und Tellern ganz zu schweigen. Wenige Schritte weiter sitzt ein älterer Herr, der eine gedrehte Flasche bearbeitet. Der Mantel des vor ihm auf einem Holzblock liegenden Kunstgegenstands besteht aus einem einzigen Stück! Fasziniert schaue ich zu und gebe mich schließlich als Kollege zu erkennen. Wir kommen ins Gespräch und als ich einige Meisterstücke aus Deutschland präsentiere, werde ich gefragt, warum die gedrehten Ziertische und Vasen deutscher Meister aus so vielen Bauteilen zusammengefügt sind. Das gehe doch viel einfacher und überhaupt könne man die schlichten Meisterstücke mit entsprechenden Verzierungen optisch extrem aufwerten. In der Tat prägen orientalische Arbeitstechnik und Jahrhunderte alter Wissensvorsprung sowie das landestypische Designverständnis die Arbeiten iranischer Metallhandwerker und das ist gut so.

Ebenfalls begrüßenswert ist, dass die Kunsthandwerker angesehene Spezialisten sind und von ihrer Arbeit gut leben können. Die Frage, wie es um den Nachwuchs bestellt ist, erübrigt sich, denn in den zahlreichen Werkstätten arbeiten blutjunge Handwerker, die regelmäßig die Berufsschule besuchen.

Hohe Minarette

Meine Ferien habe ich längst vergessen und so stoppe ich mein Taxi instinktiv, als es auf eine große Baustelle zusteuert. Ich steige aus und gehe zielstrebig auf den Bauzaun zu. Als ich meinen Fotoapparat heraushole, spricht mich ein junger Iraner an und lädt mich ein, seine Baustelle zu besichtigen. Überrascht willige ich ein. In Flipflops und ohne Schutzhelm betrete ich die zweitgrößte Baustelle des Landes – die neue Moschee Mosalla. Seit fast 18 Jahren wird hier gebaut. Wirtschaftsembargo und finanzielle Engpässe haben das ehrgeizige Bauvorhaben mehrmals verzögert, doch jetzt soll es in wenigen Monaten fertig werden. Die Mosalla verfügt über eine 150 x 250 m große, kuppelüberspannte Gebetshalle und zahlreiche Minarette. Zwei davon sind mit jeweils 100 m die höchsten Bauwerke Esfahans. Wir besteigen den Lift und zuckeln gemütlich nach oben. Der Blick über die Stadt und vor allem über die gebogenen Stahlträger der unter uns liegenden Hallen und Türme ist gewaltig. Auch hier haben Klempner Spuren hinterlassen. Bauleiter Mohsen Radanipour zeigt mir die Turmspitzen diverser Minarette, die allesamt mit farbbeschichtetem Aluminium bekleidet sind. Darunterliegende Verglasungen bestehen aus blau getöntem Mehrscheiben-Isolierglas. „Alles was derzeit hier entsteht, ist made in Iran“, sagt er stolz und zeigt mir anschließend aus Fieberglas hergestellte Deckenverzierungen. Später werden sie die riesigen Kuppeln von innen schmücken. Ebenso wie die bunt lackierten Fieberglaselemente entstehen fast alle anderen Bauteile direkt vor Ort. In der gut ausgerüsteten Werkstatt werden zum Beispiel Stahlträger konfektioniert oder Fertigbetonteile gegossen. Wie so oft fällt auch dieser Abschied schwer. Vielleicht liegt es daran, dass im Iran aus Fremden in kurzer Zeit Freunde werden. Mohsen Radanipour verspricht, mich über den Baufortschritt auf dem Laufenden zu halten. Dank WhatsApp ist das problemlos möglich.

Ihre Meinung ist ausdrücklich erwünscht

Der Iran ist ein Land mit modern denkenden und freundlichen Menschen. Wissbegierig und informativ zugleich suchen diese stets das Gespräch und den Austausch auf Augenhöhe. Dass dort neben traditionellen Arbeitstechniken auch moderne Systeme entwickelt und eingesetzt werden, zeigt, wie gut Alt und Neu zusammenpassen und sich im besten Fall sogar ergänzen. Ob mich letztendlich die iranische Tradition der Metallbearbeitung oder der Umgang mit neuen Techniken mehr in den Bann gezogen hat, vermag ich nicht zu sagen, doch so viel steht fest: Der Iran ist mehr als nur eine Reise wert. Sollte Sie dieser Beitrag neugierig gemacht haben, lege ich Ihnen das umfangreiche Online-Extra ans Herz. Dort finden Sie zahlreiche Fotos von einer Handwerkskultur, die ihresgleichen sucht. Ich verspreche Ihnen nicht nur gute Unterhaltung, sondern Fotos, die Sie in dieser Art sonst nirgends finden werden. Und weil nichts schöner ist als das Feedback der BAUMETALL-Leser, freue ich mich besonders auf Ihre Zeilen, die Sie gerne direkt an redaktion@baumetall.de richten dürfen.

Metallbegeistert

BAUMETALL-Chefredakteur Andreas Buck hat flüssiges Metall im Blut und den Finger immer und überall am Auslöser – auch im ehemaligen Persien. Im Iran befinden sich zahlreiche UNESCO-Weltkulturerbestätten. Neben den Ruinen von Persepolis oder dem riesigen Meidan-e Schah in Esfahan zeigt Andreas Buck zahlreiche Fotos traditioneller Kupferschmiede sowie Momentaufnahmen aus dem modernen Iran. Die umfangreiche Fotostrecke zu seinem Reisebericht finden Sie auf:

https://www.baumetall.de/baumetall-live/extras