Auch in den Südtiroler Alpen gilt das ungeschriebene Gesetz des Spenglerhandwerks: Alles, was am Bau aus Blech gefertigt wird, fordert trotz modernster Maschinentechnik vor allem ein Höchstmaß an manuellem Geschick und digitaler wie analoger Präzision. Dass der Nachwuchs der Bau- und Galanteriespengler dieses Metier perfekt beherrscht, bewiesen die Prüflinge im Rahmen der diesjährigen Feierlichkeit zum Abschluss der Gesellenprüfung an der Berufsschule in Brixen. Die duale Ausbildung in Südtirol – aufgeteilt zwischen den Lehrbetrieben und dem Blockunterricht in Brixen – verlangt den Jugendlichen einiges ab. Die anspruchsvolle Hürde der Gesellenprüfung ruht traditionell auf drei massiven Säulen:
- der praktischen Arbeitsprobe (zum Beispiel beim fachgerechten Einfalzen eines Schornsteins in ein Metalldach),
- dem mündlichen Fachgespräch zur Überprüfung des theoretischen Fundaments,
- der Gestaltung und Herstellung eines eigenständigen Gesellenstücks.
Gold für ein „Bärile“ aus Metall
Für das Gesellenstück galt es auch in diesem Jahr, ein vorgegebenes, hochaktuelles Jahresthema kreativ und handwerklich präzise in Metall umzusetzen: Winterolympiade. Die in der Lehrwerkstatt entstandenen Arbeiten zeigten ein beeindruckendes Niveau an Kreativität. Den absoluten Spitzenplatz und damit die beste Bewertung des Prüfungsjahrgangs sicherte sich eine junge Frau, die in der Branche längst keine Unbekannte mehr ist.
Jung-Gesellin Anna Seyr, Juniorchefin des Betriebs Dachservice Seyr aus Rasen im Antholzertal, überzeugte die Jury auf ganzer Linie. Sie entwarf und fertigte das offizielle Antholzer Biathlon-Maskottchen Bärile* als detailverliebtes handwerkliches Meisterstück aus Blech. Dass Anna Seyr ein exzellentes Gespür für die Symbiose aus moderner Architektur und traditioneller Spenglertechnik besitzt, war bereits in BAUMETALL-Ausgabe 2/2026 zu lesen. Der entsprechende Fachartikel befasste sich mit dem Servicegebäude des Biathlon-Stadions in Antholz, dessen markante Außenhaut aus dunklen Falzprofilen und kontrastierenden Streckmetallplatten aus Aluminium ebenfalls aus dem Hause Dachservice Seyr stammt.
Ehrliche Anerkennung statt großem Pomp
Dem mündlichen Fachgespräch folgte auch in diesem Jahr eine liebgewonnene und tief verwurzelte Tradition: die feierliche Übergabe der Abschlusszeugnisse und Gesellendiplome. Im Kreise von Ausbildern, Eltern, Freunden sowie der Schulleitung und Vertretern des Berufsstandes wurden die Leistungen der frischgebackenen Fachkräfte gebührend gefeiert. Auch das Südtiroler Spengler-Urgestein Hubert Trenkwalder, langjähriger Obmann der Südtiroler Spengler, ließ es sich nicht nehmen, den neuen Gesellinnen und Gesellen seine aufrichtige Wertschätzung für ihr Durchhaltevermögen und ihren Einsatz auszusprechen. Trenkwalder fand dabei klare Worte, die das Fundament der Nachwuchsarbeit beschreiben: „Unsere Hochachtung für die erbrachte Leistung der Absolventen gilt gleichermaßen den Lehrbetrieben und den Eltern – denn ein solcher Erfolg ist immer das Ergebnis eines gemeinsamen Weges. Die Wertschätzung gegenüber unseren neuen Facharbeitern kann gar nicht hoch genug sein. Sie sind die Zukunft unserer Betriebe und unseres Handwerks.“ Für eine solche Feier, so Trenkwalder weiter, brauche es keinen künstlich aufgeblasenen Event-Pomp, sondern vor allem die ehrliche, spürbare Anerkennung der erbrachten Leistung. Versäume man dies als Branche, werde das Rad der Nachwuchsgewinnung unweigerlich ins Stocken geraten. Umso erfreulicher ist das Signal dieser Prüfungssession: Das Spenglerhandwerk wird jünger, moderner und weiblicher – und die neuen Gesellinnen und Gesellen sind bereit, die Gebäude Südtirols fachgerecht und dauerhaft mit Metall zu bekleiden.