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Die Könnerin

Was passieren kann, wenn eine Hauptschulabsolventin mit einer Sechs in Mathematik das Dachhandwerk aufmischt, schilderte Dachdeckermeisterin, Gebäudeenergieberaterin für Baudenkmäler und engagierte Verbands-Vorständin Coletta Giltz im Rahmen des zurückliegenden Enke-Impulscamps. Auf dem Nürburgring zeigte sie mit ihrer Lebensgeschichte vor allem: Karrierepfade müssen nicht geradlinig verlaufen und der unbedingte Glaube an die eigene Stärke kann Berge versetzen.

„Es gibt Sätze, die ein ganzes Leben prägen können“, ist Coletta Giltz überzeugt. Für die 41-jährige Dachdeckerin war es ausgerechnet ein Spruch des eigenen Vaters, der selbst als Handwerker tätig ist: „Das kannst du nicht!“ oder „Dafür bist du noch zu klein!“, sagte er mit fast schon erschreckender Regelmäßigkeit. Doch anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, löste das väterliche Vorurteil bei der gebürtigen Niederrheinerin das genaue Gegenteil aus. Ein stilles, aber felsenfestes: „Doch! Ich kann das.“ Es wurde ihr persönliches Leitmotiv, das sie bis heute durch eine unkonventionelle und extrem beeindruckende Laufbahn und durch ihr Leben trägt.

Die Suche nach der eigenen Berufung

Dass Coletta Giltz heute im Vorstand der Dachdecker-Innung Wesel und des Dachdeckerverbandes Nordrhein ist, war im Jahr 2001 undenkbar. Nach dem Abgang von der Hauptschule hatte sie eine glatte Sechs in Mathe im Gepäck und absolut keine Orientierung in Sachen Berufswahl. „Es war der Beginn einer kräftezehrenden Suchphase. Gerne hätte ich zum Beispiel in die Metallbaubranche reingeschnuppert, was aber aufgrund fehlender Sanitäranlagen für Frauen scheiterte. Stattdessen war ich im Fachbetrieb für Fenster- und Rollladenbau meines Vaters und ich habe ein Praktikum im Krankenhaus gemacht“, erzählt Giltz. Nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Kinderpflegerin schlug sie mit einer Lehre zur Gärtnerin einen völlig neuen Weg ein. „Nicht jeder Umweg ist ein Fehler“, sagt Giltz heute rückblickend und mit einer großen Portion Gelassenheit: „Die Ausbildung zur Zierpflanzengärtnerin von 2004 bis 2007 markierte einen Wendepunkt. Auch weil ich in der Gärtnerei für tropische Pflanzen zum ersten Mal dieses befreiende Gefühl des Angenommenseins spüren durfte.“

Unternehmerin mit Anfang 20

Folgerichtig war der Sprung aufs Dach ebenfalls kein Bestandteil einer kalkulierten Karrierestrategie. Vielmehr traf Giltz die erneute Entscheidung des Branchenwechsels aus familiärer Verantwortung heraus. Kurzerhand gründete sie 2005 den in Xanten ansässigen Fachbetrieb Giltz Bedachungen und packte fortan tatkräftig mit an. Überhaupt mutete sich Giltz mit Anfang 20 ein mörderisches Pensum zu – leitete tagsüber ihren eigenen Betrieb für tropische Pflanzen und arbeitete nachts für das noch junge Dachdeckerunternehmen. Aus diesem harten Spagat heraus reifte schließlich der Entschluss, alles auf eine Karte zu setzen und die Dachdecker-Meisterschule in Dortmund zu besuchen. Doch der Start war von massiven Selbstzweifeln überschattet: „Das schaffe ich niemals“, schoss es ihr angesichts der theoretischen und mathematischen Hürden immer wieder durch den Kopf. Als einzige Frau unter 15 Männern fühlte sie sich im Haifischbecken der Meisterschüler oft isoliert. Die mentale Belastung war enorm. Erschwerend kamen die Folgen eines schweren Unfalls dazu, die Giltz mitten im Kurs komplett aus der Bahn warfen. Doch Aufgeben war im Universum der jungen Dachdeckerin noch nie eine Option. Getragen von einer starken Lerngruppe und angetrieben von ihrem unbändigen, fast schon trotzigen Willen kämpfte sie sich zurück. Ihre Meisterprüfung absolvierte sie im Jahr 2017 inklusive einer exakt ausgeführten ungleichhüftigen Biberschwanzkehle.

Mit Herzblut und klarer Kante im Ehrenamt

Heute ist Coletta Giltz eine gefragte Expertin, die den Ruf genießt, sich nie auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Im Gegenteil: Der Weiterbildung zur staatlich anerkannten Gebäudeenergieberaterin (HWK) für Wohn- und Nichtwohngebäude sowie für Baudenkmäler folgte beispielsweise die Zertifizierung zur PV-Managerin. Die enorme Energie der Dachdeckerin fließt aber nicht nur in den eigenen Betrieb, sondern zu einem großen Teil direkt dorthin, wo das Dachhandwerk Unterstützung braucht: in die Verbandsarbeit. Als Vorstandsmitglied im Dachdeckerverband Nordrhein verantwortet Giltz das extrem wichtige Ressort der Nachwuchsgewinnung. Und auch in Initiativen oder Netzwerken wie dem der Dachdeckermädelz engagiert sie sich leidenschaftlich für die Zukunft des Handwerks. „Wenn ich etwas mache, geht es mir nie um Klischees oder Quotenpolitik“, versichert Giltz: „Ich wollte auch nie beweisen, dass Frauen Handwerk können. Ich wollte immer nur beweisen, dass ich es kann.“

Eindecken einer Dachfläche mit Solardachziegeln

Bild: Coletta Giltz

Eindecken einer Dachfläche mit Solardachziegeln
Starkes Team: Coletta und Ehemann Thomas Giltz

Bild: Coletta Giltz

Starkes Team: Coletta und Ehemann Thomas Giltz
Kann auch Klempnertechnik: Coletta Giltz bei der Montage von Prefa-Aluminiumrauten

Bild: Coletta Giltz

Kann auch Klempnertechnik: Coletta Giltz bei der Montage von Prefa-Aluminiumrauten
Coletta als Dachdeckermädel

Bild: Coletta Giltz

Coletta als Dachdeckermädel

Info

  • Coletta Giltz: Drei Mottos für die nächste Generation
    Lass dich nicht von deinen Schwächen definieren: Eine schlechte Schulnote entscheidet nicht über dein hand­werkliches Geschick oder deinen späteren Erfolg.
  • Umwege gehören dazu: Jede Station im Leben, jeder Fehler bringt dich weiter und formt deinen Charakter.
  • Glaub an dich selbst: Lass niemals andere Menschen entscheiden, was du kannst und was nicht!

Bild: BAUMETALL

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