Rund 500 Fachleute aus der Schweiz und dem benachbarten Ausland trotzten den stürmischen Zeiten. Der Spenglertag 2026 in Bern bewies mit einer spektakulären Live-Vorführung und hochkarätigen Referaten: Auf das Handwerk ist Verlass! Ein Rückblick auf einen Tag voller Innovationen, leidenschaftlicher Debatten und preisgekrönter Handwerkskunst Von Andreas Buck
Der Schuss, der ins Schwarze traf: Es war ein Moment wie aus einer modernen Tell-Sage. Auf der Veranstaltungsbühne im Berner Kursaal spannte sich die Sehne einer Armbrust. Doch statt eines Apfels stand die Widerstandsfähigkeit modernster Metallbedachungen im Visier. Als die Eiskugel mit hoher Geschwindigkeit auf das Probeblech traf, wurde Theorie schlagartig zur Praxis. Diese eindrucksvolle Hagelprüfung war das Sinnbild für das diesjährige Motto des Schweizer Spenglertages: „Stürmische Zeiten – auf das Handwerk ist Verlass.“ Doch die Veranstaltung hatte deutlich mehr zu bieten.
Die Fachtagung wurde durch Remo Wyss (Fachbereichspräsident Spengler/Gebäudehülle und Mitglied Zentralvorstand Suissetec) eröffnet. Er begrüßte die Teilnehmenden und führte sie in das diesjährige Veranstaltungsmotto ein. Im Anschluss sprach Dennis Reichardt (Zentralpräsident, Suissetec). Für ihn war dies ein besonderes Debüt in seiner neuen Funktion. Er thematisierte die „stürmischen Zeiten“, neue Anforderungen sowie die Herausforderungen bei Planung und Ausführung von Gebäudehüllen aus Metall. Reichardt dankte den Fachbetrieben und Handwerksteams für ihre Arbeit unter Wind und Wetter, dem Fachreferat Spengler/Gebäudehülle für dessen Engagement sowie der Geschäftsstelle der Suissetec für das starke Zusammenspiel. Sein Zitat: „Diese Tagung können Sie gerne als Denkraum und zugleich als Kraftquelle nutzen.“
Als erster Referent thematisierte Dr. Jan Rajczak (wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz) das offensichtlich verrücktspielende Klima. Er beleuchtete klimatische Veränderungen seit der Industrialisierung und die damit verbundenen Zusammenhänge. Rajczak erklärte zum Beispiel, warum Starkniederschlagsereignisse sowie Hagelschlag zunehmen. Weitere wissenschaftliche Hintergründe hierzu sind übrigens unter www.klimaszenarien.ch abrufbar. Passend dazu folgte der Fachvortrag von Martin Jordi (Bereichsleiter Technische Elementarschaden-Prävention, VKF). Unter dem Titel „Blech unter Beschuss“ erläuterte er Normen, Nachweise zum Hagelschutz und Änderungen nach der SIA 261 (dem Schweizer Regelwerk, vergleichbar mit den deutschen DIN-Normen). Gemeinsam mit der Moderatorin Annina Campell (TV-Moderatorin und Journalistin) demonstrierte er die Auswirkungen von Hagelschlag. Dazu spannte Jordi die genormte Hagelarmbrust, übergab das Prüfgerät an Campell und forderte sie auf, die Eiskugel auf das Blech abzuschießen. Das Ergebnis: eine sichtbare Beule, jedoch kein Riss und keine Durchlochung. Jordi erklärte, dass die Hagelbewertung in verschiedenen Hagelklassen erfolgt; so entspricht beispielsweise ein Hagelkorn mit einem Durchmesser von 4 cm der Hagelklasse 4. Er wies zudem darauf hin, dass im gesamten D-A-CH-Raum mittlerweile acht anerkannte Hagel-Prüfstellen für entsprechende Zertifizierungen zur Verfügung stehen.
Nach Regen folgt Sonne
Neben der Hagelprüfung bildeten die Ausführungen von Dr. Roland Krischek (Dipl.-Phys. ETH, Sicherheitsingenieur, Suva) einen weiteren absoluten Höhepunkt der Fachtagung. Die Suva ist die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt und fungiert als der zentrale Träger der obligatorischen Unfallversicherung in der Schweiz – vergleichbar mit den Berufsgenossenschaften in Deutschland. Unter dem Titel „Wie schütze ich mich richtig?“ rückte Krischek das Thema Hautschutz in den Fokus – vor allem weil Hautkrebs als anerkannte Berufskrankheit bei Arbeiten im Freien gilt. Er plädierte dabei eindringlich für eine konsequente Risikominimierung, denn Sonnenschutz müsse auf der Baustelle so selbstverständlich werden wie das Tragen von Sicherheitsschuhen oder Helmen.
„Diese Tagung können Sie gerne als Denkraum und zugleich als Kraftquelle nutzen.“
Anhand umfangreicher statistischer Auswertungen und eindrücklicher Bildbeispiele verdeutlichte Krischek die Gefahren der UV-Strahlung für Handwerker. Er riet dazu, das Bewusstsein für präventive Maßnahmen wie das Tragen geeigneter Kopfbedeckungen und spezieller Kleidung nachhaltig zu stärken. Für Betriebe, die ihre Mitarbeitenden aktiv schützen wollen, stellt die Suva zudem umfangreiches Schulungsmaterial zur Verfügung. Ergänzend dazu wird BAUMETALL in Ausgabe 3/2026 ausführlich über das Thema berichten.
Tosender Applaus für Thomas Knubel
Ein besonderes Veranstaltungs-Highlight war die Objektvorstellung des Paul Scherrer Instituts in Villigen. Als renommiertes Forschungszentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften wird der Standort unweigerlich mit technologischen Spitzenleistungen in Zusammenhang gebracht. Zum Beispiel betreiben dort Forschende komplexe Untersuchungen, um die Struktur von Molekülen zu entschlüsseln oder neue Materialien für die Energiewende zu entwickeln. Das kreisrunde Gebäude des Instituts – das die Synchrotron Lichtquelle Schweiz (SLS) beherbergt – wurde vom Team der Knubel Bauspenglerei AG fachmännisch mit einem Kalzip-Aluminiumdach bekleidet und mit einer leistungsstarken PV-Anlage ausgestattet. Diese umfasst über 7500 Module mit einer Gesamtleistung von rund 900 kWp, was den Stromverbrauch der Anlage signifikant senken kann.
Der Fachvortrag von Thomas Knubel (Dipl.-Spenglermeister, Knubel Bauspenglerei AG und InduBau AG, Projektierung & Montage von Industriebauten) ließ die Herzen der Fachbesucher höherschlagen. Bereits sein Eröffnungssatz sorgte für Begeisterung: „Jetzt geht es weder um Folienabdichtungen noch um Bauchemie. Es geht um Spenglertechnik!“ Dieses deutliche Bekenntnis zum klassischen Handwerk löste tosenden Applaus im Saal aus – ein kraftvolles Zeichen der Anwesenden für ihre Leidenschaft: die fachgerechte Bekleidung von Dächern und Fassaden in reiner Spenglertechnik und mit Metall. Übrigens: BAUMETALL stellt das architektonisch anspruchsvolle Projekt in vorliegender Ausgabe auf Seite 46 genauer vor.
Blickfänge der Baukunst: Die Sieger des Kreativwettbewerbs
Ein glanzvoller Höhepunkt war außerdem die feierliche Prämierung des Kreativwettbewerbs. Insgesamt 16 Azubis hatten teilgenommen und eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie viel handwerkliches Geschick und künstlerisches Gespür im Branchennachwuchs steckt. Unter dem Applaus des begeisterten Fachpublikums holte Moderatorin Annina Campell die Teilnehmer und Preisträger ins Scheinwerferlicht – eine große Bühne für die „Herzbluthandwerker von morgen“. Den ersten Platz sicherte sich Livio Dux, der im Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen und vom Fachbetrieb A. Ziegler Spenglerei und Bedachungen, Bütschwil, ausgebildet wird. Er überzeugte die Juroren mit seinem beeindruckenden Werk „Kunst am Bau(m)“. An einem stilisierten Baum aus Kupfer befestigte der junge Spengler eine Laterne aus Kupfer und setzte somit das Wettbewerbsmotto auf höchst zweideutige und raffinierte Weise um. Bravo!
Den zweiten Rang belegte Dominik Jung von der Gewerblich-industriellen Berufsschule Bern und vom Fachbetrieb BHS Gebäudeschutz GmbH, Aeschi bei Spiez. Mit einem technisch anspruchsvollen gedrehten Rinnenkessel aus Kupfer begeisterte Jung die Jury. (Anmerk. d. Red.: Das Wettbewerbsstück erreicht absolutes Meisterniveau und hätte sogar das Zeug, im BAUMETALL-Leserwettbewerb „Meisterstück des Jahres“ zu bestehen.)
Madeleine Brülisauer (Berufsbildungsschule Winterthur, Ausbildungsbetrieb Scherrer Metec AG, Zürich) sicherte sich mit ihrem detailreichen Modell des Weltkulturerbes Taj Mahal aus Messing und Kupfer den dritten Platz der Fachjury. Darüber hinaus eroberte sie die Herzen der Anwesenden als Publikumspreisträgerin. Ihr liebevoll gefertigtes Modell lässt wahre Spenglerträume wahr werden. Mit einem Augenzwinkern merkte die talentierte Nachwuchsspenglerin an: „Wenn es nach mir ginge, müsste auch das indische Original mit Kupfer bekleidet werden – doch vermutlich würde dieser Traum alle Baukosten sprengen!“ Aufmerksame BAUMETALL-Leser kennen Madeleine Brülisauer aus der Rubrik „Leserwelten“. Wer sich und seine Arbeiten dort ebenfalls vorstellen möchte, kann sich gerne bei der BAUMETALL-Redaktion melden, um seine eigene Baumetall-Welt zu präsentieren.
Volltreffer für das Spenglerhandwerk
Das BAUMETALL-Team beglückwünscht alle 16 Wettbewerbsteilnehmer sowie die Preisträger und bedankt sich herzlich beim Team von Suissetec für die herausragende Veranstaltung und die exzellente Organisation. Die Kombination aus hochkarätigen Fachvorträgen, praxisnahen Vorführungen und der Förderung des Branchennachwuchses war ein echter Volltreffer, der die Innovationskraft der Spenglerbranche eindrucksvoll unterstrichen hat. Das nächste Ziel ist bereits anvisiert: In zwei Jahren findet der Spenglertag abermals in Bern statt – wir sehen uns am 22. März 2028!
Bild: BAUMETALL
Startschuss zum Spenglertag 2026: Remo Wyss und Dennis Reichardt
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Florian Schnyder stellte technische Suissetec-Neuerungen vor
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Moderatorin Annina Campell beim Hageltest
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Thomas Knubel begeisterte das Publikum mit seiner Objektvorstellung
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Dr. Jan Rajczak sprach über Klimawandel und Effekte fürs Handwerk
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Hautschutz und -prävention seien mindestens ebenso wichtig wie Sicherheitsschuhe oder Helme, erklärte Dr. Roland Krischek
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Martin Jordi informierte über Schadensbilder durch Hagelereignisse
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Große Bühne für zwei Nachwuchs-Spenglerinnen und 14 Jung-Spengler
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Preisträger Livio Dux beantwortet Annina Campells Fragen zu seinem Wettbewerbsstück Kunst an Bau(m)
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Meisterniveau: das Wettbewerbsstück von Dominik Jung
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Podium und Publikumspreis für Madeleine Brülisauer
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