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Kupfereindeckung durch Generationen

Besondere Erbschaft


Neun Jahrzehnte, genauer gesagt 91 Jahre, schützte die von meinem Urgroßvater und Namensvetter, Michael Leib, eingedeckte Kupferbedachung den Turm der Martinskirche in Nassenhausen bei Fürstenfeldbruck. Doch bekanntlich ist nichts für die Ewigkeit gebaut, selbst wenn 91 Jahre, im Vergleich mit der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Spenglermeisters, relativ lange erscheinen mögen. Obwohl die Arbeit an der Turmeindeckung im Jahre 1916 nach bestem Wissen und Gewissen ausgeführt wurde, hat die Zeit an der einen oder anderen Stelle ihre Spuren hinterlassen. An einigen Bereichen der alten Kupfereindeckung ist Wasser durch die doppelt gefalzten Querstöße eingedrungen, wodurch an der Schalung und einigen Teilen des Gebälks Beschädigungen auftraten.

Der achtseitige Turm des im gotisch-barocken Stil erbauten Gotteshauses weist vier breite und vier schmale Seiten auf. Den Auftrag zur Neueindeckung des zwiebelförmigen Turmdaches erhielt unser Spenglerfachbetrieb Leib GmbH aus dem bayerischen Moorenweis, der von meinem Vater Hubert Leib und von meinem Onkel Ulrich Leib geführt wird. Die Arbeiten am Turm begannen im Mai 2007 mit dem Abriss der alten Kupferdeckung und dem Austausch defekter Holzbauteile. Die Mitarbeiter der ebenfalls aus der Region stammenden Zimmerei Georg Gerum brachten zudem eine neue, 30 mm starke, sägerauhe Brettschalung auf. Als Trennlage kam eine Deltafoxx-Unterspannbahn zum Einsatz. Um eine ausreichende Belüftung zu gewährleisten, wurde die Holzschalung im Traufbereich der vier breiten Turmseiten großzügig ausgespart. In diesen Aussparungen brachten wir 60 cm lange Edelstahlkästen an. Auf ähnliche Weise wurde die Entlüftung an der verengten Turmspitze optimiert. Um unterhalb des Kreuzes eine bessere Entlüftungsöffnung zu erhalten, wurde in der Stärke des Schalungsquerschnitts ein Edelstahl-Achteck mit abschließendem Lochgitter eingebaut. Somit entstand ein etwa 6 cm breiter Entlüftungsspalt um den Kaiserstiel, der nun für einen ordentlichen Kamineffekt sorgt.

Einteilung mit Herz und Verstand

Nach der Montage des Traufprofils zeichneten wir, zur besseren Orientierung, Mittellinien auf den acht Seiten des Turmes auf. Diese Hilfslinien ermöglichten die symmetrische Anordnung und Montage der jeweiligen, gerade zugeschnittenen Herzschar. Diese Eindeckreihenfolge erleichterte die Arbeit am Traufbereich mit der Innenrundung beginnend, über diverse Etagen des Gerüstes, bis hin zur Turmspitze.

Nach der Deckung der großen Flächen widmeten wir uns den Gratscharen. Wir erstellten Pappmuster von jeder Schar und übertrugen die Zuschnitte auf die entsprechende Metallschar. Anschließend stellten wir die Falzzugabe mit einem Wuko-Rollkanter auf. Um die Deckbreite des Rasters aufrecht zu erhalten, falzten wir am äußersten Bereich der vier breiten Dachflächen 15 cm bis 20 cm breite Kupferstreifen ein. Zur Rundung der Schare setzten wir auf die bewährten Werkzeuge von Eckold und den Biegeboy von Schlebach. Auch das Falzstück von Stubai, das Schaleisen und der Kunststoffhammer waren wichtige Werkzeuge bei den Falzarbeiten.

Die aus 0,7 mm starkem Kupfer der Marke KME hergestellten Schare mit dem Deckmaß von 52 cm auf 140 cm sind am oberen Ende über die gesamte Breite mit einer Haft gegen Abrutschen gesichert. Schiebehosenhaften aus Edelstahl sorgen für die sichere Befestigung entlang der mit Dichtbandeinlage doppelt gefalzten Stehfalze. Die Falze an der Turmspitze haben einen stehenden Falzabschluss.

Krönender Abschluss

Ein 1,60 m großer Stiefel aus 1 mm starkem Kupfer bildet den Abschluss am Übergang zum Turmkreuz. Dieser Stiefel überdeckt die Schare um etwa 30 cm und ist somit eine sichere Abdeckung über der Entlüftungsöffnung. Auch das Turmkreuz wurde aufwendig saniert und neu vergoldet. Leider kamen bei dessen Demontage keine alten Dokumente zum Vorschein, die wir gerne wieder eingelegt hätten. Trotz stürmischem Wind holten wir dieses Versäumnis bei der Montage des Turmkreuzes nach und legten zwei zuvor verlötete Kupferrollen mit Zeitdokumenten in der vergoldeten Turmkugel ein.

Bereits 2006 konnte ich beim Klempnerfachbetrieb Robert Smejkal in Heidenheim bei der Eindeckung eines noch größeren Turmes wertvolle Erfahrungen sammeln. Somit war es mir möglich, im Alter von 21 Jahren die Bauleitung für die Spenglerarbeiten zu übernehmen, was mich sehr stolz macht. Die Arbeit meines Urgroßvaters neu zu gestalten beziehungsweise sogar zu verbessern und auf diese Weise unsere Firmentradition weiterzuführen, war etwas Besonderes für mich. Auch für meine Kollegen, Spenglergeselle Adolf Heinzinger und Lehrling Robert Keller, waren die Arbeiten am Turm der Martinskirche ein außergewöhnliches Erlebnis.

* Michael Leib ist Spenglergeselle und derzeit beim Klempnerfachbetrieb Robert Smejkal in Heidenheim beschäftigt

Michael Leib*

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