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Dem Staub keine Chance

Ich bin wieder da – stehe auf dem mit Edelstahl-Strukturblechen beplankten Steg und greife nach dem massiven Bronze-Türgriff. Gleich stoße ich die mit Blattgold belegte Türe auf. Wie oft ich das schon gemacht habe? Ich weiß es nicht. Auch nicht, wie oft in diesem Jahr. Gut erinnere ich mich jedoch an mein erstes Mal. Das war vor fast 20 Jahren. Schon damals faszinierten mich die markanten und geometrisch geformten Baukörper. Die Zink-Pyramide mit der eingeknickten Spitze. Der geviertelte Zylinder mit grüner Kupferhaut. Das nach oben verjüngte Dreieck mit schwarzer Titanzinkhülle und der mit Aluminium bekleidete Kegel, der seine Farbe wie ein Chamäleon verändert. Alles scheint noch so zu sein wie damals, als eine Handvoll Herzblutklempner das Gebäude einweihten. Spontan denke ich an Heinz Lummel, Alois Schechtl und Manfred Haselbach. Was sie inzwischen zu ihrem Museum sagen, wenn sie es vom Klempnerhimmel aus beobachten? Sicher freuen sie sich darüber, dass heute begeisterte Spengler aus Österreich genauso in Karlstadt erwartet werden,wie deren Kollegen aus der Schweiz und aus Südtirol. Nicht zu vergessen die Klempner aus dem hohen Norden Deutschlands sowie aus allen anderen Teilen der Republik. Das Besondere ist jedoch: Sie kommen nicht ins Europäische Klempner- und Kupferschmiedemuseum, um sich historische Maschinen und Werkzeuge anzusehen, sondern um zu lernen …

Wo die Blechmusik zum Workshop spielt

Im lichtdurchfluteten Verbindungssaal empfängt mich Karin Glassen – die gute Fee des Hauses. Wie immer ist alles perfekt vorbereitet, stehen Tische und Stühle bereit, riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee. Es kann also wieder losgehen, denn alles ist zum Start eines weiteren BAUMETALL-Workshops bereit. Heute steht „Rohrwinkel Easy“ mit Meistermacher Gert Brenner auf dem Programm. Gestern vermittelte er „Zaubertricks an der Sickenmaschine“, die zur handwerklichen Blechbearbeitung gebraucht werden. Davor kamen die „Workshopper“ nach Karlstadt, um an der Drückbank beim Kugeldrücken gemeinsam mit Michael Messerschmidt die dritte Dimension zu erforschen. Und davor faszinierte Michaela Geugelin die Workshopteilnehmer gemeinsam mit den Kupferexperten von Aurubis in ihrer kreativen Kupferwerkstatt.

Schön ist, dass die BAUMETALL-Workshopreihe bei den Kollegen so beliebt ist. Noch schöner ist, dass das Workshopangebot seit der Eröffnung der modern eingerichteten Museumswerkstatt von Jahr zu Jahr umfangreicher wird: Dem Anfängerkurs Ziselieren schließt sich ein Angebot für Fortgeschrittene an; das Abwickeln gedrehter Köper kann ab sofort praxisbezogen beim Bau eines Tischspringbrunnens erlernt werden; theoretisch basierte Workshops wie solche über Kalkulationstipps für Klempner werden durch Seminare für zukünftige Gutachter oder solche rund um das Thema „Aus Fehlern lernen“ ergänzt.

Exkursion durch Raum und Zeit

Gemeinsam mit Gert Brenner und den Workshopteilnehmern erkunde ich das Museum. Und obwohl ich mir einbilde, jedes Ausstellungsstück zu kennen, entdecke ich auch heute wieder neue Details. Auf der Galerie ist es eine Mediatafel, die in Schrift, Bild und per Video über die Herstellung von Ornamenten informiert, in der darunterliegenden historischen Klempnerwerkstatt eine hochkant aufgestellte und funktionsfähige Schwenkbiegemaschine nebst zahlreichen Werkzeugen aus Großvaters Zeiten. Dann geht es ins Untergeschoss, wo liebevoll gestaltete Mediatafeln dafür sorgen, dass Grundkenntnisse wie das Schweifen, das Bördeln oder das Sicken von Hand nicht in Vergessenheit geraten. Alle Arbeitstechniken werden mithilfe historischer Werkzeuge dargestellt – lassen sich aber auch mit modernem Werkzeug ganz praktisch ausprobieren. In der Mitte des Raumes befinden sich zwölf moderne Arbeitsplätze. Genau hier greift Gert Brenner in seine Trickkiste. Den „Workshoppern“ zeigt er zum Beispiel, wie sich aus gewöhnlichen Titanzinkrohren Sockelwinkel beliebiger Neigung herstellen lassen. „Gerade auf der Baustelle ist es wichtig, sich helfen zu können“, sagt Brenner. Seine Technik eignet sich perfekt dazu, Montagearbeiten zügig abzuschließen, anstatt sie wegen fehlender Bauteile abzubrechen. Der energiegeladene Gert Brenner gibt Vollgas, springt von der Sickenmaschine ans Bördeleisen, schaut seinen Tagesschülern über die Schultern, greift ein, wenn diese den Hammer in falschem Winkel führen oder Mühe beim Ineinandersprengen der Rohrstücke aus dem Hause Barth haben.

Fotoexkursion auf drei Etagen

Ich nutze die Zeit. Streife durch die Ausstellungsbereiche und fotografiere. Hier eine besonders gut erhaltene Lötlampe, dort eine Arbeitsprobe, die einzelne Arbeitsschritte einer verzahnten und weichgelöteten Glattblechverbindung veranschaulicht. Ganz oben, direkt über Karin Glassens Büro, inspiziere ich eine aus Holz gebaute historische Schwenkbiegemaschine, eine Rundbiegemaschine mit hölzernen Walzen und einen eisernen Falzapparat, der Stehfalze händisch und per Zugvorrichtung schließt. Andere Ausstellungsstücke kenne ich noch aus meiner Lehrzeit. Mit der Doppelfalzzange des Typs Rekord habe ich selbst noch gefalzt – die an einem Dachmodell angebrachten Hosenhafte hundertfach und in mühevoller Handarbeit hergestellt. Inzwischen hat sich vieles geändert – ist traditionelle Klempnertechnik im 21. Jahrhundert angekommen. Fantastische Fassaden aus Klempnerhand wie solche am Museumsgebäude in Karlstadt sind weithin sichtbarer Beweis.

Neue Museums-Fans

Es ist 17 Uhr. Das Workshopende naht. Vereinzelt wird noch immer geschweift – ertönt die für Klempner typische Blechmusik aus der Werkstatt. Über die Wendeltreppe kommen erste Teilnehmer nach oben. Der inzwischen mit roter und blauer Beleuchtung in eine mystische Atmosphäre getauchte Verbindungssaal empfängt glückliche Handwerker. Die Spengler aus Österreich, Südtirol, der Schweiz und aus zahlreichen Regionen in Deutschland sind zufrieden. Stolz präsentieren sie ihre Werkstücke, positionieren sich für ein Gruppenfoto, tragen eine Notiz im Gästebuch ein. „Ich habe schon viel über das Museum gelesen“, sagt ein Teilnehmer und ergänzt: „Ich bin froh, diesen besonderen Platz erlebt haben zu dürfen. Jetzt verstehe ich auch, warum es sich lohnt, die Museumsstiftung als Mitglied zu unterstützen.“ So ist es fast immer und genau so erging es mir bei meinem ersten Mal. Damals war das Museum eigentlich nur ein architektonisch interessant gestalteter Parkplatz für historische Werkzeuge und Maschinen. Heute begeistert das moderne Museumskonzept nahezu jeden Besucher. Zu Recht! Das Europäische Klempner- und Kupferschmiedemuseum ist die Heimat der Branche und gleichzeitig Architekturikone, Ausstellungsfläche, Begegnungsstätte und Kompetenzzentrum einer selbstbewussten Berufsgruppe. Aus diesem Grund freue ich mich über jeden neuen Fan, und Hand aufs Klempnerherz: Der Jahresbeitrag von 150 Euro ist eine hervorragende Investition für unsere alles andere als verstaubte Zukunft.

www.klempnerundkupferschmiedemuseum.eu

www.baumetall.de/workshops

wwww.BAUMETALL.de/workshops

  • Ziselieren und treiben 1.0Ziselieren für Anfänger, Donnerstag, 17. Oktober 2019
  • Ziselieren und treiben 2.0Tipps und Tricks für Fortgeschrittene, Freitag, 18. Oktober 2019
  • Tatort DachAus Fehlern lernen, Mittwoch, 27. November 2019
  • So werde ich GutachterDonnerstag, 28. November 2019
  • Kalkulationstipps für Klempner, Freitag, 29. November 2019
  • Ein Klempner-Tischbrunnen zu WeihnachtenTeil 1, Abwickeln eines achtteiligen und gedrehten Brunnenkörpers mit Joerg Hoyer, 12. Dezember 2019Teil 2, Anfertigen einer achtteiligen und gedrehten Brunnenschale aus Titanzink mit Gert Brenner, 13. Dezember 2019

Kreative Kupferwerkstatt

Manuela Geugelin zitiert Pablo Picasso: „Es gibt keine abstrakte Kunst. Man muss immer mit etwas beginnen. Nachher kann man alle Spuren des Wirklichen entfernen. Dann besteht ohnehin keine Gefahr mehr, weil die Idee des Dinges inzwischen ein unauslöschliches Zeichen hinterlassen hat. Es ist das, was den Künstler in Gang gebracht, seine Ideen angeregt, seine Gefühle bewegt hat. „

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